Ridvan Ciftci, Karl-Gustav Heidemann, Wilfried P. Schrammen (Hg.): Gemeinsam für eine solidarische Gesellschaft. Schlaglichter aus 150 Jahren sozialdemokratischer Geschichte in Bielefeld, Bielefeld: Verlag und Druck: Gieselmann Druck und Medienhaus GmbH & Co. KG, 2018 – 228 S., ISBN 987-3-946410-04-1, 17,00 Euro

in: Ravensberger Blätter. Organ des Historischen Vereins für die Grafschaft Ravensberg e.V., Zweites Heft 2018, S. 51–53.

Rezension von Andreas Beaugrand

Die drei Herausgeber Ridvan Ciftci, Karl-Gustav Heidemann und Wilfried P. Schrammen legen einen Sammelband über 150 Jahre SPD-Geschichte in Bielefeld vor. Anlass war vor 150 Jahren die Gründung einer Bielefelder Ortsgruppe des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins im Jahre 1868. Auf nationaler Ebene hatte Ferdinand Lassalle bereits fünf Jahre zuvor die Arbeitervereinigung begründet.
Etwas mehr als ein Jahr hat sich seit Herbst 2017 eine Reihe von offenbar nach wie vor enthusiastischen Bielefelder Sozialdemokraten dieser Geschichte rein ehrenamtlich gewidmet. Um es gleich vorweg zu sagen: Wirklich grundstürzende neue Informationen enthält der Sammelband nicht. Das war aber auch nicht beabsichtigt. Vielmehr macht der Band eine Art „Inventur“, indem die vorliegende Literatur und die aufbewahrten Quellen, die verstreut waren, nun gebündelt vorgestellt und ausgewertet werden. Vielfältige, über Jahrzehnte erfolgte Forschungen wurden zusammengefasst und kompiliert.
Trotz der derzeitigen Krise der Volksparteien im Allgemeinen und der der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands im Besonderen stellt die SPD in Bielefeld doch ein besonderes politisches Gewicht dar und ist historisch von einem „anderen Kaliber“, auf das der Oberbürgermeister Pit Clausen (S. 7) und die SPD-Vorsitzende Andrea Nahles in ihren Grußworten hinweisen (S. 9 f.). Am vorliegenden Buch sind durch Biografie und Bildung ausgewiesene Spezialisten und überzeugte Kenner der Bielefelder SPD-Materie ans Werk gegangen – wie ein Blick ins Autorenverzeichnis (S. 225) belegt: Die einzige Autorin und die Autoren sind sozialdemokratisch sozialisiert oder politisch parteinah positioniert – also ein Buch der SPD für die SPD?
Nur zum Teil.
Die Beiträge berufen sich auf zumeist bekannte Quellen im Stadtarchiv und in der vorhandenen Literatur. Sie beschäftigen sich mit den „üblichen Verdächtigen“ wie die „alten Genossinnen und Genossen“ Friederike „Frieda“ Nadig (1897–1970), Else Zimmermann (1907–1995), Elfriede Eilers (1921–2016), Heinz Hunger (1938–2008) oder Klaus Schwickert (*1931), dessen aktuelles Interview sehr lesenswert ist (S. 211 ff.) – sowie mit den allseits bekannten SPD-Gebäuden und -Arealen wie Volkswacht, Turnhalle Ost, Eisenhütte (Marktstraße), Wohnsiedlung Heeper Fichten, das Rütli oder Haus Neuland (S. 219 ff.).
Doch trotz des eher konventionellen (chronologischen) inhaltlichen Ablaufs von 1848 bis (weitgehend) in die „Gegenwart“ (der letzte Beitrag von Wilfried P. Schrammen behandelt die kommunale Neuordnung von 1972/1973!) scheint gleichsam zwischen den Zeilen Neues und tatsächlich heute Aktuelles hervor:
So behandelt Bärbel Bitter in ihrem nicht ganz leicht lesbaren Aufsatz die „Frauen in der Bielefelder Sozialdemokratie“ (S. 45 ff.) und Bernd J. Wagner kenntnisreich und mit gewohnt kritisch-spitzem Akzent die Zeit der Weimarer Republik und des Nationalsozialismus. Wagner kristallisiert deutlich heraus, was sozialdemokratische Politik vor und nach dem Ersten Weltkrieg ausgemacht hat und warum die SPD von vielen gewählt wurde. Sie hatte glaubwürdige Alleinstellungsmerkmale im politischen Raum zwischen undemokratischer Räterepublik auf der einen Seite und bürgerlicher Mitte und undemokratischer Rechte auf der anderen Seite. Diese Besonderheiten sind der Partei inzwischen verlorengegangen und/oder in den Programmen anderer Parteien aufgegangen. Hier könnten die Folgen des Godesberger Programms 1959, die Abkehr von der „Kampf dem Atomtod“-Kampagne oder später Schröders „Hartz-IV“-An- oder Absage 2003 einmal mehr diskutiert werden. Man fragt sich, was die SPD heute noch auszeichnet und schaut auf der Suche nach Spuren der Geschichte noch einmal ins neue Buch:
Erfrischend und absolut kenntnisreich sind hier die Beiträge des „jungen“ Juristen Ridvan Ciftci über den Arbeitersport (S. 107 ff.), die Arbeiterjugendbewegung (S. 125 ff.) und die SPD-Jugend der „langen“ Nachkriegszeit (späte 1940er und 1960er Jahre, S. 179 ff. und S. 185 ff.). Sorgfältig recherchiert und formuliert sind wie immer die Texte von Joachim Wibbing (S. 141 ff.), von dem inzwischen selbst legendären „Altachtundsechziger“ Karl A. Otto (S. 155 ff.) und vom kritischen Journalisten und Filmfreund Frank Bell (S. 163 ff.).
Bei der Recherche wurden auch Zeitungen ausgewertet, die nicht Bestandteil der Westermann-Sammlung im Bielefelder Stadtarchiv sind. Bisher hatte man grundsätzlich mehrere Bücher und Quellen zu konsultieren, um sich ein Bild von der Bielefelder SPD-Geschichte zu machen. Das war genau das Defizit, auf das „SPD-Urgestein“ Elfriede Eilers immer wieder hingewiesen hat. Sie vermisste ein Buch, das sich mit der SPD in Bielefeld beschäftigt. Dieses Buch liegt jetzt vor – wenn auch mit Defiziten:
Das für die Sozialdemokratie typische Milieu scheint zwar durch, ist jedoch nur am Rande thematisiert worden. In der Auflösung dieses Milieus liegt vermutlich der Niedergang der Partei begründet, das weitaus mehr ist als nur Arbeitersport und -jugend. Ureigentliches sozialdemokratisches Terrain sind die Genossenschaft, der Konsum, die Gewerkschaften, die Arbeiterwohlfahrt und vieles mehr gewesen, die es heute so nicht mehr gibt und für die es alternative politische Themen und neue soziale Positionen (etwa zu Kriminalität, innerer Sicherheit, Umgang mit Drogen etc.) geben müsste, deren Entwicklung aber im alltäglichen Krimskrams „gegen oder mit der Industrie?, „für oder gegen den Dieselskandal?“, „für oder gegen Hartz IV?“ und in persönlichen Rangeleien und Machtkämpfen steckengeblieben sind.
Hinzu kommt, dass die Gestaltung des Bandes eher etwas „lustlos“ wirkt, sodass sich wirkliche Freude am und beim Lesen nicht einstellen will, obwohl es sehr anerkennenswert ist, dass sich Verlag, Druck und Medienhaus des alten Sozialdemokraten Hans Gieselmann und seiner Tochter Henrike einmal mehr engagiert haben. Wünschenswert zur weiteren Orientierung wäre eine Zusammenstellung markanter Ergebnisse der Bielefelder SPD bei Reichs-, Bundestags-, Landtags- und Kommunalwahlen gewesen. Ebenso desiderabel wäre eine etwas „straffere Hand“ der Herausgeber für eine Vereinheitlichung der verschiedenen Beiträge hinsichtlich der „handwerklichen“, stilistischen und methodischen Vorgehensweise gewesen.
Die „Festschrift“, die angesichts des wenig festlichen Layouts bedauerlicherweise keine ist, kann und will eine neue wissenschaftliche Studie über die Geschichte des Auf- und Niedergangs des sozialdemokratischen Milieus in Bielefeld nicht ersetzen. Sie stellt vielmehr eine chronologisch orientierte Selbstvergewisserung des Geschehenen dar.

Blopp!

in: Freunde der Altstadt Bielefeld (Hg.): Quartier A, Ausgabe 6: Analog, Bielefeld 2018, S. 10.

Andreas Beaugrand

Ich stelle den Schalter der HiFi-Anlage auf „On“ und öffne die schwarztransparente Haube des Schallplattenspielers. Ich nehme die weiße Innenhülle aus dem LP-Klappcover und entnehme ihr behutsam – mit zwei Fingern und stützendem Daumen – die Schallplatte, ohne die Rille zu berühren. Ich lege sie auf den schweren Plattenteller, drehe den Startschalter des Schallplattenspielers und der Riemenantrieb setzt den Plattenteller nebst LP langsam in Bewegung. Ich führe den Tonarm an den Anfang der Rille, betätige den Tonarmhebel und der Tonarm senkt sich – ölgedämpft, langsam, sacht – auf die Schallplatte: „Blopp!“ Wunderbarer Klang in Tiefen, Höhen und Stereobreiten erfüllt den Raum: Ich liebe das Analoge – und nutze das Digitale, weil es zum Schreiben von Texten und Versenden von Daten so schnell, leicht und zuverlässig ist. Digitales Hören (und Lesen) ist für mich weniger zufriedenstellend.

Das Bielefelder Bauernhausmuseum als multifunktionaler Veranstaltungsort:
Ort der Sinnstiftung für eine neue kollektive Identität einer sich schnell wandelnden Gesellschaft

in: Johannes Altenberend, Lutz Volmer (Hg.): Das Bielefelder Bauernhausmuseum 1917–2017. Ein Ort für ländliche Geschichte, Bielefeld 2017, S. 141–156.

Andreas Beaugrand

„Man kann ein Museum nicht neu aufstellen, indem man nur davon ausgeht, was einmal war. Die Modernität seiner künftigen Aufstellung wird keine tote Welt der Vergangenheit zeigen, sondern versuchen, zur Lösung der Fragen unserer Gegenwart beizutragen und das Belehrende unterhaltsam darzustellen.“(1)
(Prof. Dr. Rudolf Schnellbach, 1952–1967 Direktor des Badischen Landesmuseums in Karlsruhe, um 1955)

Prolog
Die Pferde schwitzen. Stechmücken nerven. Die Sonne sticht. Das Stroh muss gebündelt und trocken sein, bevor das Sommergewitter losbricht. Vielleicht gelingt es. Dann gibt es Bier und Brot, vielleicht etwas Sülze. – Das Huhn, das keine Eier mehr legen kann, wird eingefangen, an den Flügeln und Beinen gefasst und mit dem Kopf auf den Holzblock geschlagen. Betäubt. Das Beil schnellt herab, der Kopf fällt abge-trennt zu Boden. Letzte Reflexe Flattern erzeugend, landet das Tier im Eimer mit heißem Wasser, es riecht nach Blut und fedrig-schwerer Feuchtigkeit. Alles ist klamm. Feuchte Federn werden gerupft, erst schnell, mit grobem Griff, dann feiner und feiner, die letzten Daunen und Flaumen. Nackt und tot und pickelig liegt das kopflose Tier auf dem Tisch. Auf einem alten Teller wird Spiritus entflammt. Das Tier über die bläulichen Flammen haltend, werden die letzten Federreste abgesengt. Morgen, dann ist Sonntag. Mittagessen mit Huhn.

Das Bielefelder Bauernhausmuseum im frühen 21. Jahrhundert
100 Jahre nach Gründung des mitten im Ersten Weltkrieg gegründeten Bielefelder Bauernhausmuseums ist die Welt bei Weitem nicht friedlicher geworden: Die Zahl der Menschen, die vor Krieg, Konflikten und Verfolgung fliehen, war noch nie so hoch wie heute. Ende 2015 waren 65,3 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht; im Vergleich dazu waren es ein Jahr zuvor 59,5 Millionen Menschen, vor zehn Jahren 37,5 Millionen Menschen.(2) Von Januar 2015 bis Dezember 2016 wurden im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge 1.396.823 Zugänge von Asylsuchenden erfasst.(3) „2016 ist das Jahr der meisten Toten auf dem Mittelmeer. 4.742 Menschen sind laut dem Uno-Flüchtlingshilfswerk bei der Überfahrt ums Leben gekommen. Fast 360.000 Menschen haben die Reise angetreten“(4) – noch mehr, als Bielefeld 2016 Einwohner hat.(5) Als das „Bauernhaus bei Bielefeld“ am 6. Juni 1917 eingeweiht wurde, waren die gesellschaftspolitischen Verhältnisse, die Gründungsursachen und die angestrebten Ziele gänzlich anders, wie die Ansprachen bei seiner Eröffnung widerspiegeln.(6)  
Will man nun zum Annus Jubilaeus des Bielefelder Bauernhausmuseums auf der Basis seiner einhundertjährigen Geschichte über ebenso zukunftsweisende wie nachhaltige museale Nutzungen nachdenken, sind Überlegungen über die Aufgaben und Methoden einer Historischen Kulturwissenschaft hilfreich, um zunächst einen Blick auf die Wechselwirkungen zwischen den jeweils historischen „Weltbildern“ und der tatsächlichen musealen „Realgeschichte“ (Max Weber) zu werfen. Deren offensichtlich sichtbares Ergebnis ist heute ein lebendiges Museum am Bielefelder Stadtrand im Teutoburger Wald – eine „stimmungsvolle Augenweide“, wie Dr. Rosa Rosinski, von 1999 bis 2012 Museumsleiterin und neben Wolfgang Kühme von der GAB zweite Geschäftsführerin, feststellte: offenbar „ein Idealbild einer ravensbergischen Hofanlage.“(7) Aber der Schein trügt. Nach Rosa Rosinski ist das Museum eine „historische Fälschung“, denn die Anlage sei das „Ergebnis der Anforderungen verschiedener Zeitströmungen an das Museum (…). So brauchte man in der Hochphase der Industrialisierung einen Ort für die Bewahrung (Rettung) der bäuerlichen Wurzeln. In den 1940er Jahren dienten die baulichen Erweiterungen aus dem Mindener und Gütersloher Raum der ‚völkischen‘ Idee des sogenannten ‚Deutschen Bauerntums‘ und in der Nachkriegszeit bemühte man sich hier um eine wertfreie, verharmlosende, heimatliche Identität.“ Der Brand im Bauernhausmuseum im Mai 1995, bei dem das Haupthaus vollkommen zerstört worden ist, ermöglichte mit der Errichtung des Mölleringshofes und seiner Scheune sowie der Schaffung eines neuen Ausstellungsraums durch Unterkellerung bis 1999 eine neue Gebäudestruktur – nun auch mit Café – und zugleich die Umsetzung eines gänzlich neuen Museumskonzepts, das bis heute gültig ist. In jedem Gebäude bzw. Raum finden sich Objekte und museale Inszenierungen, die das Leben auf dem Bauernhof um 1850 im Kontext der Wirtschafts-, Sozial- und Kulturgeschichte des Ravensberger Landes veranschaulichen und mit denen bei den zahlreichen Veranstaltungen im Jahr vielfach gearbeitet wird:(8)  
Der Betrieb des Bielefelder Bauernhausmuseums wäre ohne ehrenamtliches, bürgerschaftliches Engagement und eine vielfache Freiwilligentätigkeit nicht möglich. Zahlreiche Helferinnen und Helfer sowie kulturwissenschaftliche und pädagogische Mit-arbeiterinnen und Mitarbeiter engagieren sich in einem unglaublichen Ausmaß. Unter der Leitung von Dr. Lutz Volmer betreuen sie etwa 500 bis 600 Veranstaltungen pro Jahr, zu denen 6.000 bis 7.000 Besucherinnen und Besucher kommen, von den weiteren knapp 30.000 „normalen“ Museumsbesucherinnen und -besuchern nicht zu reden. So gibt es unzählige Aktionen von pädagogischen Honorarkräften für Eltern und Kinder wie Schmuckwerkstatt, Wie die Zeit vergeht. Zeit ohne Uhr erfassen und eine Sonnen- und eine Sanduhr selber bauen|, Insektenhotel bauen, Marienkäfer-Haus bauen, Bauernhoftiere aus Gips, Kaleidoskope bauen, Zuckerrübenschnitzen, Süße Brote zum Erntedank, Zinngießen, Farben aus der Natur, Drachen bauen, Bald ist Halloween, Bei Dunkelheit im Bauernhaus, Der Igel in unserem Garten, Apfel-Futterhäuschen bauen, Kerzen ziehen, Fenstersterne basteln, Winter-Pflegecremes mit Bienenwachs selbst herstellen, Krippenfiguren bauen, Stutenkerle zum Nikolaus, Weihnachtsplätzchen backen oder Baumschmuck aus Goldpapier.(9) Es wird gezeigt, wie Spielen wie vor 150 Jahren oder Papier schöpfen(10) funktioniert, was man mit Süßen Früchten macht – „noch ist Erdbeerzeit“ – und wie es Vom Korn zum Brot, Von der Milch zur Butter, Vom Flachs zum Leinen und in den Kräuterwelten kommt.(11) Man kann Sommer- und Herbstlandschaft malen(12) und Futterhäuschen bauen,(13) lernt alles Rund um den Apfel, kann Weihnachtssterne aus Stroh und anderem Material und Traumfänger basteln und sogar Häkeln lernen.(14) Es gibt Nahrungsmittel- und Kochangebote wie Märchen & Kochen für Kinder und (Groß-)Eltern, Kürbis, Pickert & Co. oder Apfel, Zimt & Mandelkern – Ein adventliches Pickert-Buffet selbst herstellen für Erwachsene,(15) Kurse zum Thema Alte Hausmittel – neu entdeckt, Wildkräuterküche im Sommer,(16) Pizza backen im historischen Holzofen und Spannendes rund um die Kartoffel.(17) In anderen Veranstaltungen kann man Pferdeleinen und Führstricke kennenlernen, Kleine Glaslaternen und Leuchtgläser umfilzen, die Farben des Herbstes erkunden, Bilder filzen mit Wolle und Weihnachtsengel basteln.(18) Es werden Märchen am Herdfeuer für Kinder und Erwachsene erzählt(19) und der Nikolaus kommt, es gibt regelmäßige Bauernhausmuseums- und Mühlenführungen,(20) Führungen extra für Kinder(21) und von Juli bis Oktober werden an jedem ersten Sonntag im Monat Web- und Spinnvorführungen veranstaltet.(22) Darüber hinaus zeigt das Bauernhausmuseum etwa drei größere Ausstellungen pro Jahr – zu zum Teil sehr verschiedenen Themen: 2016/2017 sind dies beispielsweise die Projekte Ländliche Geschichte in 100 Objekten. Von den Anfängen bis heute (29. Mai–23. Oktober 2016), Das erste Schuljahr – von Schultüten zum „Ernst des Lebens“ (30. Oktober–23. Dezember 2016) und – seit dem 5. Februar 2017 – 40 Frauen. Das Überleben organisieren. Ostwestfälische und lippische Frauenschicksale 1945–1949. Komplettiert wird die ungeheure Fülle des Veranstaltungsprogramms durch folkloristische Konzerte, musikalische Wanderungen, Nachtwanderung „mit Sinneserfahrungen“, Benefizläufe und Theaterspiele sowie den Imkertag, den Bauernmarkt, den Tag des Offenen Denkmals, den Martinsmarkt, den Gottesdienst zum Erntedank oder die Benefizveranstaltung Ein Fest für Tiere zugunsten rumänischer Straßenhunde ... es scheint schier kein Ende zu nehmen.
Einige wenige festangestellte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie eine Reihe von Menschen im Arbeitslosengeld II-Bezug, die im Bauernhausmuseum eine Beschäftigung erhalten, bearbeiten und pflegen unter der Federführung von Tobias Cron und Helke Haarmeyer das weitläufige Gelände. In Zusammenarbeit mit der Gesellschafterversammlung des Bauernhausmuseums(23) bemüht sich Geschäftsführer Marcus Stichmann um die finanzielle Kompensation des strukturellen Defizits von etwa 40.000 Euro pro Jahr.
In Zeiten weltweiter und blitzschneller internetbasierter Kommunikation ist es erforderlich, das Museumskonzept einmal mehr zu modifizieren, weil zunehmend deutlich geworden ist, dass die historischen „Weltbilder“ und die tatsächliche museale „Realgeschichte“ nicht mehr wie gewohnt zusammenpassen. Der Hype der sogenannten „sozialen“ Medien und seine Folgen, globalisierte Digitalisierung, neue und prekäre Arbeitsverhältnisse, weltweit Kriege und die Flucht vor ihnen, die Integration fremder Menschen aus gänzlich unbekannten Sozialisationskreisen in die städtische Gesellschaft und schließlich all überall drohender ideologisierter Terror beeinflussen das kulturelle Selbstverständnis unserer Gesellschaft. Das Bielefelder Bauernhausmuseum muss konzeptuell auf diese „neuen Zeiten“ reagieren und in ihren agieren.

Ein lokales Bauernhausmuseum, etwas Geschichte und der Heimat-Begriff
Nicht zuletzt seit der großangelegten Studie AEM – Adult Education and the Museum des Deutschen Instituts für Erwachsenenbildung e.V., im „Europäischen Jahr des lebenslangen Lernens“ 1996 begonnen und 1999 abgeschlossen, besteht über die Aufgaben und Bedeutung von Museen für die gesellschaftliche Bildung weitgehender Konsens: „Museen sind nicht nur deshalb wichtig, weil sie uns einen verständnisvollen Zugang zur Vergangenheit erschließen, unsere eigene Welt besser erklären helfen und uns eine Aufschlüsselung für die Zukunft vermitteln; sie müssen auch ver-bunden sein mit Kreativität, Innovationen und Orientierungen hin zu vielen Dingen, die die lebensweltlichen Bezüge der Leute von heute berühren. Museen sind Servicezentren, die ihr Potenzial nur dann voll entfalten können, wenn sie sich mit den Hauptproblemen der gegenwärtigen Gesellschaft beschäftigen. Gegenwärtig ist die entscheidende Frage, was Museen wie für wen tun.“(24) Diese Frage bleibt aktuell.
In den knapp 20 Jahren seit dieser Studie und seit der Neuerrichtung des Haupthauses des Bauernhausmuseums haben sich die bundesdeutsche Gesellschaft und mit ihr die Bielefelder Alltagswirklichkeit gravierender verändert als in den Nachkriegsjahrzehnten zuvor. Die Pubertät der Republik, wie Nikolaus Jungwirth und Gerhard Kromschröder ihr 1983 erschienenes feuilletonistisches Werk über die bundesdeutsche Nachkriegszeit genannt haben,(25) war mit der Protestbewegung der „1968er“ längst nicht beendet. Der massive kollektive Widerstand und die Versuche, den „Muff von 1.000 Jahren unter den Talaren“ durch Demonstrationen, „Sit-ins“ und außerparlamentarische Dauerdebatten zu beseitigen, hatten zwar traditionalistische Strukturen zerstört, jedoch ist es seitdem nicht gelungen, diesem staatsbürgerlichen Strukturverlust neue Normen, Formen und Regeln auf den Weg zu geben: „Das Verbindende (war) das Unverbundene, das Übergreifende bestand in der Aufspaltung, ‚Wahrheit’ erwies sich als Vielfachwahrheit.“(26) Es folgte ein „euphorischer Pluralismus“ (Glaser), den Zyniker wie der Philosoph Odo Marquard als Zeit der „Inkompetenzkompensationskompetenz“(27) oder – ähnlich skeptisch und pathetisch – Jürgen Habermas als Zeit der „Neuen Unübersichtlichkeit“(28) bezeichnet haben. Auf der anderen Seite gab es die Freude am Kult und die Lust am inszenierten Augenblick, aber der Genuss aufklärender und aufgeklärter Debatten kontrastierte mit dem Verlust von Zielorientierung, abnehmender gesellschaftspolitischer Auseinandersetzungen und schließlich mit eskalierender Gewalt, die einen ihrer tragischsten Höhepunkte am 11. September 2001 im Attentat islamistischer Terroristen auf das New Yorker World Trade Center erfuhr.
Seitdem – und für Deutschland und Europa beschleunigt durch das Verschwinden des „Eisernen Vorhangs“ zwischen West und Ost seit 1989/1990 – hat sich vieles geändert: die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, der zu beliefernde Markt, die Konkurrenz, die Politik, die sozialen Systeme, die produzierende und handelnde Welt. Alles befindet sich in einem Strudel des Wertewandels – politisch, wirtschaftlich, religiös und ideologisch.
Heute leben in Deutschland etwa 82 Millionen Menschen „aus aller Welt“ und davon gut 335.000 in Bielefeld,(29) dem Oberzentrum Ostwestfalen-Lippes, das sich in den vergangenen gut 100 Jahren von der Kaufmanns- und Industriestadt zur „Wissenschafts- und Dienstleitungsstadt im Grünen“ entwickelt hat. Deren Gesellschaft wird durch die Wirtschaftsstruktur der Stadt mit starker Nahrungsmittel-, Maschinenbau-, Druck- und Bekleidungsindustrie, zahlreichen Handels- und Dienstleistungsunternehmen, Hochschulen, kulturellen und sozialen Einrichtungen wie die v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel oder das Evangelische Johanneswerk bestimmt. Zwischen „alledem“ und gleichsam „am Rande davon“ liegt das Bauernhausmuseum Bielefeld, dessen Aufgaben sich im Kontext des sich stetig wandelnden Begriffs der Heimat(30) immer wieder änderten und sich auch künftig verändern müssen, zumal die weltweiten Entwicklungen zu neuem Nationalismus und Rechtsradikalismus geführt haben, wie nicht nur die jüngsten Wahlen in Polen, Österreich, Frankreich und in den USA oder der aktuelle „AfD-Populismus“ in der Bundesrepublik Deutschland offenbaren. Schlimmer noch: die sogenannten „neuen Rechten“, die als „Reichsbürger“ das „völkische Denken“ und „Ethnopluralismus“ fordern. „Die Völker sollten nebeneinander existieren, aber sich nicht vermischen.“ Das ist tragischerweise ernst gemeint und äußerst aktuell.(31)

Das Bauernhausmuseum, der multifunktionale Veranstaltungsort(32)
Angesichts dieser Problematik steht auch das Bielefelder Bauernhausmuseum vor neuen Aufgaben, zumal bisher übliche Kulturentwicklungsstrategien nicht mehr wirkungsvoll zu sein scheinen: In den Deutschen Wirtschafts Nachrichten konnte man schon im November 2013 lesen, dass „Bücher, Museen, Konzerte oder Theatervorführungen für viele Europäer … mittlerweile exotische Dinge (sind). Die Statistik zeigt: Am Geld liegt es nicht.“(33) Immerhin 400 Millionen Euro investierte etwa die Europäische Union von 2007 bis 2013 in ein Kulturförderprogramm, das 2014 durch ein neues Programm mit dem Titel Kreatives Europa abgelöst wurde, für das bis 2020 1,8 Milliarden Euro eingeplant sind. Beide Projekte blieben jedoch bisher ohne messbaren Effekt. Deshalb sind andere Maßnahmen erforderlich.
Museumsarbeit und museale Vermittlung ist nicht mehr auf einfache Führungen für Schulklassen oder museumspädagogische Workshops beschränkt. Die Bildungsangebote müssen weit über die Grenzen des Museums hinausgehen und dadurch zeigen, dass das Museum als Ort lebenslangen Lernens einen besonderen Stellenwert für die Aus- und Weiterbildung einer äußerst heterogenen Zielgruppe jeder Altersgruppe, jedes sozialen Standards und jeder Herkunft hat. Leitmotive dafür sind, dass sich das Bielefelder Bauernhausmuseum zukünftig nicht nur als ein Laboratorium für kulturelle Identität versteht, sondern auch als Ort der Sinnstiftung und des kollektiven Gedächtnisses einer sich massiv verändernden Gesellschaft, an dem interdisziplinär und differenziert spezifische Ausstellungsthemen und -inhalte, eingebunden in aktuelle alltagsweltliche Zusammenhänge, zur Diskussion gestellt werden. Gesammeltes Wissen und Zukunftsfähigkeit gehören unmittelbar zusammen.(34) Das Bauernhausmuseum macht Geschichte erlebbar und Herkunft sichtbar. Es kann damit ein Bindeglied zwischen Alt- und Neubielefeldern werden, die hier im wahrsten Wortsinn Tradition erfahren und voneinander lernen.
Voraussetzung für diese Integrationsförderung ist eine aufgeschlossene und interessierte Gesellschaft, die das Vertraute zu etwas Besonderem werden und das Unbekannte sich nahekommen lässt. So können Reflexionsfähigkeit, kommunikative Kompetenz und Kreativität gebildet sowie Experimentierfreudigkeit und Offenheit für die Konfrontation mit der Realität angeregt werden, die nicht unmittelbar naheliegen und die durch die Massenkommunikationsmedien nicht adäquat transportiert werden können, selbst wenn sie unseren Alltag und unsere Auffassung von der Welt in radikaler Weise verändert haben. Informationen über alles und jedes stehen in Sekunden überall uferlos zur Verfügung, man kann weltweit „unterwegs“ sein, ohne einen Fuß vor die Tür setzen zu müssen, und hat Bilder und Vorstellungen von nahen und fernen Situationen und Orten, ohne sie jemals tatsächlich besucht zu haben. Deshalb muss es dem Bielefelder Bauernhausmuseum zukünftig darum gehen, den „realen“ Besuch und die tatsächliche Begegnung vor Ort attraktiver zu machen, als es ein Blick auf die Website oder ein „Tweet“ via Smartphone zu leisten imstande ist, das keine reale Begegnung und keinen wirklichen Besuch ersetzen kann.
Darüber hinaus ist zu berücksichtigen, dass es den klassischen Lebensweg von der Schule über die Ausbildung zur Berufsausübung hin zur Pensionierung unter den heutigen arbeitsmarktpolitischen und gesellschaftlichen Verschiebungen nicht gibt. Von daher muss das Bauernhausmuseum die differenzierter werdenden Zielgruppen – Berufstätige, Kinder, Studierende, Senioren, Arbeitslose usw. im Hinblick auf ihr jeweiliges Alter, ihre Lebensorte und ihre Herkunft, das Geschlecht, die soziale Klasse, die Bildungsebene, die Nationalität und ihre Sprache etc. – ansprechen und begleiten und versuchen, Antworten auf Probleme im Alltag und in den verschiedenen Lebenssituationen zu finden. Denn die sozialen Milieus entwickeln sich weiter. In vielen deutschen Großstädten – auch in Bielefeld – besteht die junge Generation bis zu 40 Prozent aus Kindern mit Migrationshintergrund und bereits vor gut zehn Jahren wurde festgestellt, dass etwa 70 Prozent der Migranten in Museen keine kulturelle Verortung verspüren.(35)
Das Bielefelder Bauernhausmuseum kann hier ebenso pragmatisch wie inhaltlich stringent gegensteuern: mit sachlichen Informationen, mit Offenheit und Interesse für die kulturellen Wurzeln der Migranten, ihren Entbehrungen und Verwerfungen, die sie als Fremde in unserem Land erfahren. So wird das Museum zu einem aktiven Bestandteil der Gesellschaft und zu einem Kristallisationspunkt in der Integrationsarbeit. Der Blick auf andere oder historische Kulturen wird um den Blick der Migranten und Fremden auf unsere Kultur erweitert.
Globalität ist das gesellschaftliche Phänomen unserer Zeit. In der Weltgesellschaft gibt es keine geschlossenen Räume mehr, Abgrenzung funktioniert nicht. Deshalb kann das Bielefelder Bauernhausmuseum auch im 21. Jahrhundert ein wichtiger Baustein einer neuen und zeitgemäßen kollektiven Identität unserer Gesellschaft sein, das sich mit seinen musealen Themen programmatisch für die Lernprozesse in Gegenwart und Zukunft einsetzt. Das Museum muss nicht nur strukturell und finanziell in die Lage versetzt werden, seine Angebote mit den verschiedenen menschlichen Lebensabschnitten zwischen Kindheit und Alter zu verknüpfen,(36) sondern auch dazu beitragen, Grenzen zu überwinden – insbesondere diejenigen, die sich in den Köpfen entwickelt haben. Lernen in und mit dem Museum trägt zum Schärfen der intellektuellen Reflexion und der sinnlichen Wahrnehmung bei – wesentliche Grundlagen für vorurteilsfreies humanistisches Handeln, Offenheit und Toleranz.(37)
„Ein Museum ist eine gemeinnützige, auf Dauer angelegte, der Öffentlichkeit zugängliche Einrichtung im Dienste der Gesellschaft und ihrer Entwicklung, die zum Zwecke des Studiums, der Bildung und des Erlebens materielle und immaterielle Zeugnisse von Menschen und ihrer Umwelt beschafft, bewahrt, erforscht, bekannt macht und ausstellt“(38) – so die offizielle Definition. Die Statistik des Instituts für Museumskunde weist für das Jahr 2015 6.710 Museen, Museumseinrichtungen bzw. Museumskomplexe in Deutschland aus, bei denen es sich in der Mehrzahl um kleinere und mittlere Häuser handelt. Etwa 50 Prozent davon sind volks- und heimatkundliche Museen, gefolgt von kulturgeschichtlichen Spezialmuseen (ca. 15 Prozent) sowie naturwissenschaftlichen und technischen Museen (ca. 12 Prozent). Alle großen Kunstmuseen zusammen machen nur einen Anteil von etwa zehn Prozent in der deutschen Museumslandschaft aus, die jedoch in einem internationalen Wettbewerb und Leihgaben, attraktive Sonderausstellungen und durch Zuwendungen bedeutender Sammler und erfolgreiches Fundraising ca. 40 Millionen Besucher verbuchen können.(39) Ganz anders sieht es bei kleineren Museen „in der Provinz“ aus, die Freiräume und Ressourcen für ein klares Profil und eine überzeugende Museumsstrategie brauchen, für die jedoch die finanzielle Grundlage fehlt, die es auf neuen Wegen zu beschaffen gilt: „Es wird für den Kulturbetrieb in Zukunft verstärkt darauf ankommen, wie die Inhalte aufbereitet und präsentiert werden. Eine wachsende Rolle spielen charismatische und glaubwürdige Vermittlerpersönlichkeiten, die es verstehen, Schwellenängste abzubauen, Begeisterung auch für komplexe Inhalte zu wecken und für das offene, neugierige Wahrnehmen zu werben.“(40) Und Projekte, die begeistern und faszinieren, ohne „trendige Events“ zu sein, um im Sinne der „Aufmerksamkeitsökonomie“ von Michael H. Goldhaber(41) zu Gesprächsstoff werden.
Das Bielefelder Bauernhausmuseum ist und bleibt eine demokratische Bildungseinrichtung in der ostwestfälischen Region, die als lokales Kompetenzzentrum die Nähe zu seinem Publikum braucht. Deshalb müssen weiterhin attraktive Ausstellungsangebote für die Region konzipiert werden, die der kulturellen Verödung entgegenwirken und den Menschen jeder Herkunft Teilhabe ermöglichen – insbesondere im Hinblick auf den demografischen Wandel, der es unabdingbar macht, museale Infrastruktur auch „in der Provinz“ zu erhalten. Es muss zukünftig darum gehen, an das Selbstbewusstsein des Bildungsbürgertums zu erinnern, das bisher etwa zehn Prozent der Bevölkerung darstellte, sich jedoch zusehends verflüchtigt. An seine Stelle tritt zunehmend eine „Lifestyle-Generation“, die offenbar nur noch erleben will, was „trendy“ ist: Dazu zählen die ominösen „langen Nächte“, opulente Previews mit italienischem Caterer, hippe Weltmusik oder Feste aus welchem Anlass auch immer. „Die Menschen sind heute nur noch dann bereit, weite Entfernungen zu fahren, wenn wirkliche Großereignisse mit einem entsprechenden Erlebniswert locken. Industriekultur hatte dieses Alleinstellungsmerkmal in den 1990er Jahren. Heute sind dies eher Freizeitparks und andere Großveranstaltungen; auch in der Museumslandschaft geht der Trend eher zu Freilichtmuseen und Living-History-Aktionen.“(42)  
Was also bleibt, ist die Notwendigkeit der kulturpolitischen Entscheidung für ebenso lebendige interaktive wie langfristige konstruktive Kulturentwicklung in der Stadt Bielefeld. Wir müssen – um mit Hans-Ulrich Wehler zu sprechen – die Herausforderungen der Kulturgeschichte annehmen: „Allein die aufgeschlossene, flexible Teilnahme an jenem ständigen Dialog, der über die Dimensionen unserer Standortgebundenheit, den Wandel unserer Weltbilder, Wertideen und erkenntnisleitenden Interessen geführt wird, kann dazu beitragen, dass wir zum einen die Defizite der eigenen Position klarer erkennen und uns um ihre Beseitigung bemühen können. Und zum anderen vermögen wir erst dann, die entschiedene Abgrenzung von den verführerschen Irrlichtern der ‚Trendiness‘ von der kurzlebigen Chimäre der Modeströmungen ohne dauerhafte Substanz glaubwürdig vorzunehmen.“(43)

Epilog
Die alte Dame sitzt am Spinnrad und erläutert, wie der Faden entsteht. Die Kinder ernten das im Museumsgarten angebaute Gemüse und haben verstanden, dass Gemüse nicht grundsätzlich viereckig gefroren ist und Chicken Nuggets aus geschlachteten Hühnern hergestellt werden. Linsen und Bohnen wurden zu Pasten verarbeitet und mit Gerber-Sumach und Baharat gewürzt. Mit der großen Kutsche kommt das Brautpaar, um feierlich im alten Bauernhaus zu heiraten. Staunend betrachten die Gäste den Betrieb der alten Bockwindmühle. Im großen Topf über dem Feuer schmort der Eintopf, im Backofen wird Fladenbrot gebacken, die digitalen Bilder schwirren in die Welt. „Social Web Consultants“ und „Follower“ brauchen wir nicht. Wir waren dabei. Wirklich.

Anmerkungen:
1) Rudolf Schnellbach, zitiert nach Harald Siebenmorgen: Abschied von Illusionen. Die Voraussetzung für ‚Museen neu denken‘, in: Hartmut John, Anja Dauschek (Hg.): Museen neu denken. Perspektiven der Kulturvermittlung und Zielgruppenarbeit, Bielefeld 2008, S. 268–275, hier S. 275.
2) Vgl. https://www.uno-fluechtlingshilfe.de/fluechtlinge/zahlen-fakten.html (15.12.2016). Zu den Ursachen und Folgen des „Arabischen Frühlings“ 2011 vgl. Henner Fürtig: Außensicht und Selbstverständnis einer Region in der Krise, in: Bundeszentrale für politische Bildung (Hg.): Informationen zur politischen Bildung, Heft 331, 3–4 2016, S. 4–7.
3) Vgl. https://www.bpb.de/politik/innenpolitik/flucht/218788/zahlen-zu-asyl-in-deutschland#Registrierungen (15.12.2016).
4) Jonathan Stock, Europas Pförtner, in: DER SPIEGEL Nr. 51 vom 17.12.2016, S. 109.
5) Am 30. Juni 2016 hatte Bielefeld 335.643 Einwohner. Vgl. https://www.bielefeld.de/de/rv/ds_stadtverwaltung/ads/stk/ak/ (26.12.2016).
6) Das Bauernhaus bei Bielefeld. Ansprachen gehalten bei seiner Einweihung am 6. Juni 1917. Sonderdruck aus dem 31. Jahresbericht des Historischen Vereins für die Grafschaft Ravensberg, Bielefeld o.J. (1917). Vgl. dazu auch den Beitrag „Kaufen Sie doch Meyer zu Ummeln“. Ein Bauernhausmuseum für Bielefeld von Bernd J. Wagner in diesem Buch.
7) Vgl. hier und für das Folgende Rosa Rosinski: Das Bauernhaus-Museum Bielefeld. 100 Jahre und ein bisschen weiter?, in: Andreas Beaugrand (Hg.): Stadtbuch Bielefeld 1214–2014, Bielefeld 2013, S. 688–691, hier S. 689. Das Museumsensemble besteht aus dem original hergerichteten Mölleringshof von 1590, der Nachfolger des im Mai 1995 abgebrannten Hauptgebäudes ist. Des Weiteren gibt es das Backhaus (1764), den Spieker (Speicher, 1795), die zum Café umgebaute Scheune (1807), die Bockwindmühle (1686), die Bokemühle (1826) und ein Fachwerkhaus für Kinder, das Fischerhaus.
8) Zum Veranstaltungsprogramm vgl. http://www.bielefelder-bauernhausmuseum.de/pages/ereignisse.php (16.12.2016), zum Grundsätzlichen siehe Claudia Puschmann, Rosa Schumacher (Hg.): Bauernhaus-Museum Bielefeld. Einblicke in das „System Hof“ in Ravensberg in der Mitte des 19. Jahrhunderts, Bielefeld 1999.
9) Mit Anna Behring.
10) Mit Cornelia Rössler.
11) Mit Anke Bechauf.
12) Mit Irene Blömer.
13) Mit Bianca Kreuzinger.
14) Mit Bettina Röder.
15) Mit Veronika Schmidt-Lentzen.
16) Mit Meike Brinkmann.
17) Mit Maria Ferreira-Obenhaus.
18) Mit Petra Voß.
19) Mit Ursula Schlink de Company, Margret Oetjen, Gisela Wagner oder Erika Frohne.
20) Mit Thomas Fluhrer.
21) U.a. mit Maria Ferreira-Obenhaus.
22) Mit Jutta Henrici und Anette Hennefeld.
23) Gesellschafter der gemeinnützigen Bielefelder Bauernhausmuseum gGmbH sind der Historische Verein für die Grafschaft Ravensberg (45 %), die Stiftung Solidarität bei Arbeitslosigkeit und Armut (45 %) und die Stiftung Bauernhausmuseum Bielefeld (10 %).
24) Brian Martin, Peter Cudmore: AEM (Adult Education and the Museum) im Kontext regionaler/nationaler Kulturpolitik. Auf der Suche nach einer theoretischen Perspektive, in: Jutta Thinesse-Demel (Hg.): Erwachsenenbildung und Museum. Ein Projektbericht, Frankfurt 1999, S. 24.
25) Nikolaus Jungwirth, Gerhard Kromschröder: Die Pubertät der Republik. Die 50er Jahre der Deutschen, Reinbek bei Hamburg 1983.
26) Ebd.
27) Odo Marquardt: Inkompetenzkompensationskompetenz, in: Philosophisches Jahrbuch 81 (1974), S. 341 ff.
28) Jürgen Habermas: Die Neue Unübersichtlichkeit. Kleine Politische Schriften V (Neue Folge, 321), Frankfurt 1985. Vgl. aktuell dazu Nils Minkmar: Die neue Übersichtlichkeit, in: DER SPIEGEL Nr. 52 vom 23.12.2016, S. 30 f.
29) Zur Entwicklung der Einwohnerzahl Bielefelds vgl. https://www.bielefeld.de/de/rv/ds_stadtverwaltung/ads/stk/ak/ (15.12.2015). Im Herbst 2016 lebten in Bielefeld 7.321 Asylbewerber, darunter 670 Geduldete, 3.366 im Verfahren Befindliche, 3.222 Anerkannte mit Aufenthaltserlaubnis und 63 Folgeantragsteller. Vgl. http://www.nw.de/lokal/bielefeld/mitte/mitte/20928534_Zahlen-und-Fakten-zur-Fluechtlingssituation.html, aktualisiert am 26.9.2016 (15.12.2016).
30) Unheimlich heimlich: Heimat habe ich 2003 das Forum zeitgenössischer Kunst VI des Bielefelder Kunstvereins genannt, als es darum ging, mit Künstlerinnen und Künstlern wie Beate Haupt, Sabine Kuhn, Bruno Raetsch, Jürgen Rehrmann, Bernd Schwarting und den Bielefelder Performancekünstlern Die Oralapostel den Begriff der Heimat in den Griff zu bekommen – aus persönlichen Gründen und mit vielfältigen persönlichen Stellungnahmen zum Thema: unheimlich genug. Vgl. Andreas Beaugrand (Hg.): Unheimlich heimlich: Heimat. Forum zeitgenössischer Kunst VI, Bielefeld 2003. Zum Heimat-Begriff vgl. Gerhard Handschuh: Brauchtum. Zwischen Veränderung und Tradition, in: Bundeszentrale für politische Bildung (Hg.): Heimat, Bonn 1990, S. 635. Nach Gerhard Handschuh weist der Begriff Heimat vier Dimensionen auf: eine räumliche, eine zeitliche, eine soziale und eine kulturelle Dimension.
31) Tobias Rapp: Der dunkle Ritter. Was denken Rechte? Ein Besuch bei dem Autor und Verleger Götz Kubitschek, in: DER SPIEGEL Nr. 51 vom 17.12.2016, S. 126–132, hier S. 127.
32) Zu Kontext und Begriff vgl. Wiltrud Gieseke, Karin Opelt, Helga Stock, Inge Börjesson: Kulturelle Erwachsenenbildung in Deutschland: Exemplarische Analyse Berlin/Brandenburg (Band 1 der Schriftenreihe Europäisierung durch Kultur. Bildung – Praxis – Event, hg. v. Wiltrud Gieseke und Józef Kargul), Münster, New York, München, Berlin 2005, aber auch Diana Salzmann: Multifunktionale Freiräume. Öffentlicher Raum in den Innenstädten, Hamburg 2013.
33) Deutsche Wirtschafts Nachrichten (Berlin) vom 28.11.2013.
34) Unterstützend wirken in diesem Kontext die Kooperationen, die das Bauernhausmuseum bereits heute schon pflegt, etwa mit dem Landschaftsverband Westfalen-Lippe, mit befreundeten Museen ähnlicher Ausrichtung oder mit dem Fachbereich Sozialwesen der Fachhochschule Bielefeld.
35) Vgl. Institut für Kulturpolitik der Kulturpolitischen Gesellschaft: Kulturorte als Lernorte interkultureller Kompetenz. Bericht zum Stand der Arbeiten auf der Grundlage der Befragung der kommunalen Kulturämter, Bonn 2005. Vgl. zum aktuellen Stand http://www.kupoge.de/institut.html (20.12.2016).
36) Das sind beispielsweise Kindheit, Schulzeit, Erwachsenwerden, Ausbildungs- bzw. Studienzeit, Berufstätigkeit, Beteiligung am sozialen Leben, Weiterbildung, Familiengründung, Beteiligung an der kulturellen Infrastruktur, Ausstieg aus der Erwerbstätigkeit, Einstieg in den Ruhestand, Entwicklung eines neuen Rollenverständnisses, Vorbereitung auf das Lebensende.
37) Im Bielefelder transcript Verlag sind in den letzten beiden Jahren zahlreiche Bücher zum aktuellen Thema erschienen, u.a. Robert Gander, Andreas Rudiger, Bruno Winkler (Hg.): Museum und Gegenwart, Verhandlungsorte und Aktionsfelder für soziale Verantwortung und gesellschaftlichen Wandel, Bielefeld 2015; Susanne Keuchel, Viola Kelb (Hg.): Diversität in der Kulturellen Bildung, Bielefeld 2015; Nora Wegner: Publikumsmagnet Sonderausstellung – Stiefkind Dauerausstellung? Erfolgsfaktoren einer zielgruppenorientierten Museumsarbeit, Bielefeld 2015; Frank A. Simon: Kulturmanagement und Social Media. Neue interdisziplinäre Perspektiven auf eine User-generated Culture im Kulturbetrieb, Bielefeld 2015; Carmen Mörsch, Angeli Sachs, Thomas Sieber (Hg.): Ausstellen und Vermitteln im Museum der Gegenwart, Bielefeld 2016; Oliver Scheytt, Simone Raskob, Gabriele Willems (Hg.): Die Kulturimmobilie. Planen – Bauen – Betreiben. Beispiele und Erfolgskonzepte, Bielefeld 2016; Maren Ziese, Caroline Gritsche (Hg.): Geflüchtete und Kulturelle Bildung. Formate und Konzept für ein neues Praxisfeld, Bielefeld 2016; Birgit Mandel (Hg.): Teilhabeorientierte Kulturvermittlung. Diskurse und Konzepte für eine Neuausrichtung des öffentlich geförderten Kulturlebens, Bielefeld 2016; Armin Klein, Yvonne Pröbstle, Thomas Schmidt-Ott (Hg.): Kulturtourismus für alle? Neue Strategien für einen Wachstumsmarkt, Bielefeld 2017.
38) Ethische Richtlinien für Museen des International Council of Museums (Deutschland) von 2010, zitiert nach http://www.icom-deutschland.de/schwerpunkte-museumsdefinition.php (23.12.2016).
39) Staatliche Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Institut für Museumsforschung (Hg.): Materialien aus dem Institut für Museumsforschung. Statistische Gesamterhebung an den Museen der Bundesrepublik Deutschland für das Jahr 2015 (Heft 70), Berlin 2016, S. 15 f.
40) Pressemitteilung der Körber-Stiftung vom 14. Januar 2014.
41) Michael H. Goldhaber: The Attention Economy and the Net, Chicago 1997.
42) Willi Kulke: In Schönheit verfallen lassen oder mit neuem Leben erfüllen? Zu den Perspektiven für ein Ziegeleimuseum in der Magdeburger Börde, in: Andreas Beaugrand (Hg.): Die Alte Ziegelei Westeregeln. Geschichte und Geschichten vom Kalkberg, Oschersleben 2015, S. 52 f.
43) Hans-Ulrich Wehler: Vorwort, in: ders.: Die Herausforderung der Kulturgeschichte, München 1998, S. 13.

Gottfried Jäger. Generative Systeme. Fotografische Bilder und Texte


Andreas Beaugrand

„Wir sind gezwungen, aus dem Universum der Prozesse ins Universum der Partel zu springen. Dort unten nämlich, im innersten Kern der Prozesse, wollen gegenwärtig die Punkte nicht länger der Kausalkette gehorchen – sie beginnen zu schwirren.“
Vilèm Flusser (1)

Gottfried Jäger gehört mit Kilian Breier, Pierre Cordier, Hein Gravenhorst, Manfred P. Kage, Rolf H. Krauss, Floris M. Neusüss, Albrecht Zipfel, René Mächler, Karl Martin Holzhäuser und anderen mehr zur Gründergeneration Generativer Fotografen, die exakt, analytisch, konstruktivistisch und unter mathematischen Voraussetzungen arbeiten und dadurch kreative, freie und künstlerische Ergebnisse erzielen. Die Grundlagen und Voraussetzungen der Generativen Fotografie sind strukturelle Vorga­ben, vorab festgelegte Zahlen und Zeiträume; methodische Systeme, aus denen Bilder entstehen, die der Sinneswahrnehmung keine sichere Erkenntnis mehr vermitteln können, da sie vielfach täuschen und bei verschiedenen Menschen unterschiedliche Wahrnehmungen ermöglichen. Der reale Gegen-stand ist aus den Arbeiten verschwunden. Gegenstand ist das „Bild an sich“, die Bildstruktur selbst, erzeugt durch bildimmanente Regeln und Grammatiken.
Gottfried Jäger, Jahrgang 1937: Motor, Initiator, Organisator, Kommunikator, künstlerischer Fotograf und aktuell auch Theoretiker der Generativen Fotografie, war seit 1962 zunächst als technischer Leh­rer für Foto­grafie an der Bielefelder Werkkunstschule, von 1971 bis 2002 als Professor für Fotografie an der Fachhochschule Bielefeld tätig, hat mit Unterstützung seiner Fotografiekollegen Prof. Jörg Boström, Prof. Jürgen Heinemann und Prof. Karl Martin Holzhäuser Generationen von Studierenden der Foto­grafie geprägt und darüber hinaus als Hochschullehrer, Fotograf und Künstler das Arbeits- und For­schungsgebiet der Generativen Fotografie in der aktuellen Fotografie- und Kunstszene etabliert. In den Arbeitsbereichen angewandte Fotografie, experimentelle Fotografie, Generative Fotografie, Ka­merafotografien, Multimedia-Projekte, Fotomaterialarbeiten, Re-Produktive und digitale Arbeiten erforscht Jäger seit fast 50 Jahren in Theorie und Praxis die Frage nach dem Wesen des fotografi­schen, nichtapparativen Bildes, und damit beginnend in einer Zeit, in der auf allen Ebenen in der noch vergleichsweise jungen Bundesrepublik Deutschland um historische Wahrheit, politische Korrektheit, kulturelle Werte, ehrliche Antworten auf plausible Fragen und gesellschaftliches Miteinander der Generationen gerungen wurde – nicht ohne Grund spricht man von der „Pubertät der Republik“. Der Protest und die Kritik am „Schmutz von 100o Jahren unter den Talaren“ richtete sich nicht nur gegen das belastete Establishment, sondern auch gegen tradierte Formen innerhalb der Kunst- und Kulturgeschichte: Happening und Fluxus, die Pop Art auf der einen, die Konkrete Poesie auf der anderen Seite waren unter Anderem die Folgen:
Die Konkrete Poesie – als Begriff bereits 1953 von Eugen Gomringer popularisiert – bezeichnet in der Dichtung eine bestimmte Herangehensweise an die Sprache, die dabei vordergründig nicht mehr der Beschreibung eines Sachverhalts, eines Gedankens oder einer Stimmung dient, sondern selbst zum Zweck des Gedichts wird. Die Konkrete Poesie verwendet die phonetischen, visuellen und akustischen Dimensionen der Sprache als literarisches Mittel und bezieht sich nur noch auf ihre eigenen Mittel: Wörter, Buchstaben oder Satzzeichen werden aus dem Zusammenhang der Sprache herausgelöst und treten dem Betrachter „konkret“, d. h. „für sich selbst stehend“ gegenüber. Diese sprachliche Demonstration war bereits seinerzeit ein Gegenpol zur sprachlichen Reizüberflutung: Sprache sollte keine Verweisfunktion mehr haben. Die Methode der Konkreten Poesie wurde zu einer antipoetischen Meditation über die Bedingung der Möglichkeit der poetischen Sprechweise, indem kein „Gedicht über“, sondern nur noch eine Realität „an sich“ akzeptiert wurde: Wörter waren nicht mehr Bedeutungsträger, sondern wurden – und werden bis heute (7) – als visuelle und phonetische Gestaltungselemente eingesetzt. (8)
Die Parallelen zur Generativen (bzw. Konkreten) Fotografie sind verblüffend, und tatsächlich: Anfang der 1960er Jahre arbeiteten nahezu zeitgleich ein (späterer) Konkreter Poet und ein (späterer) Generativer Fotograf an vergleichbaren Themen: Helmut Heißenbüttel (1921-1996) verfasst seinen „Roman" (1961), eine kurze „Geschichte“ aus 21 fragmentarischen Spuren(9), zu der Gottfried Jäger eine „Lichtgrafik“ (1963) erarbeitet, die heute zur Werkgruppe „Thema und Variationen (2)“ in der Rubrik „Experimentelle Arbeiten“ gezählt wird und den Titel „Über einen Emaillesprung“ trägt: Ihr Ausgangsmotiv ist die Kamerafotografie eines Sprungs in einer Emaillewaschschüssel im Gebäude der Bielefelder Werkkunstschule am Sparrenberg, aus der Gottfried Jäger – seinerzeit noch technischer Lehrer für Fotografie! – insgesamt 193 Lichtgraphiken, davon 180 Schwarzweißblätter auf Silbergelantine-Barytpapier in Formaten bis 86 x 57 cm sowie farbige Blätter auf Color-Fotopapier geschaffen hat;(10) die Grundidee Generativer Methodik war geboren. Aber es dauerte lange, viele, viele Jahre, bis die Prinzipien dieser analytischen Bild(er)findungsstrategien die ihr gebührende Beachtung fanden. Das mag zum einen an dem von Hans-Ulrich Wehler diagnostizierten „Sonderweg“ der deutschen Sozialgeschichte, dem von der Weimarer Republik bis in die Zeit der „jungen“ Bundesrepublik Deutschland reichenden eigentümlichen Spannungsverhältnis zwischen Tradition und Moderne liegen,(11) kann aber auch – relativ bodenständig – darauf zurückzuführen sein, dass sich der „Organisator und Kommunikator“ der Generativen Fotografie (siehe oben: Gottfried Jäger) auf seine Familie und seinen Beruf konzentrieren musste: Frau, Freundin und Wegbegleiterin Ursel und die gemeinsamen Kinder Gabriele (*1958) und Markus (*1963) forderten mit Recht Aufmerksamkeit, Lehre und Forschung als Professor an der Fachhochschule Bielefeld forderten Konzentration und Zeitaufwand. Zwanzig Jahre nach der ersten Ausstellung Generativer Fotografie in Bielefeld 1968 begannen die konsequenten fotoexperimentellen Arbeiten wissenschaftstheoretische Früchte zu tragen: (12) Eine themenbezogene Ausstellung folgt auf die nächste, eine Tagung gab der anderen das Wort, das Bielefelder Symposium für Fotografie und Medien trug kontinuierlich ein Übriges dazu bei, und mit einem Mal ist Fotografie – gleichgültig, ob experimentell, dokumentarisch, inszenierend oder eindeutig „künstlerisch“ – überall in aller Munde, in jeder Galerie und jedem Museum: Fotografie als Kunst ist etabliert und hoch dotiert. Fast scheint es, als könne Gottfried Jäger nach gut 40 Jahren die Früchte kontinuierlicher fotoexperimenteller Arbeit ernten: In den letzten Jahren, konkret vielleicht seit Beginn des 21. Jahrhunderts, erschienen in vergleichs­weise kurzer Zeit und in kurzem Zeitabstand zahlreiche Publikationen, die sich den Fragen des Visu­ellen in der westlichen Kultur, der Bilderzeugung und Bilderfindung und der Bedeutung von Bildlich­keit in Geschichte und Gegenwart widmen.(13) Auch in der geisteswissenschaftlichen Forschung gewinnt die Frage nach Bildern zunehmend an Bedeutung; selbst der sonst eher traditionell ausgerichtete Historikertag 2006 stand unter dem Motto „GeschichtsBilder“, mit dem der Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHHD) sein Fach „als eine moderne, theorie- und methodenorientierte Geistes- und Kulturwissenschaft.(14) In diese Debatte reiht sich auch die Diskussion über das Phänomen der Generativen Fotografie während der letzten gut 40 Jahre, in der es in modifizierter Weise um die Frage geht, welcher gesellschaftliche, kulturelle, künstlerische und schließlich fotografische Wert ihr beizumessen sei. Und mehr noch: Die über denselben Zeitraum geführten Diskussionen über die tatsächliche Bedeutung dieser fotografischen Kunstrichtung – oder künstlerischen Fotografierichtung? – bestätigen die von Carsten-Peter Warncke bereits 2005 provokant formulierte These, dass „die europäische Kulturgeschichte seit der klassischen Antike eine Geschichte der systematischen Unterdrückung des Bildes(15) sei. Er betont damit, wie tief verwurzelt eine bildskeptische Haltung gerade auch in der Bildungselite war und ist. Darin kann man zugleich einen kritischen Hinweis auf eine Bildforschung sehen, die im Bild letztlich doch nur den Widerschein von Texten und Zeichen erkennen mag und mediale, materielle und bildimmanente Aspekte eher ausblendet bzw. Bildern in ihren Kontexten – vielleicht unbeabsichtigt – kaum ein wirkliches Eigengewicht beimisst.
Dagegen hat sich Gottfried Jäger zeit seines beruflichen wie künstlerischen Lebens zur Wehr gesetzt.(16) Immer wieder neu und in sich verändernden Kontexten – sei es auf künstlerischer oder wissenschaftlicher Ebene – hat er über die Problematik des vermutlich 1916 von Alvin Coburn geprägten Begriffs der Abstrakten Fotografie(17) und seiner Relevanz für die Generative bzw. aktuell Konkrete Fotografie nachgedacht und seine Bedeutung etymologisch, konzeptionell und inhaltlich erörtert. Danach bezeichnet der Begriff „Fotografie“ die Verfahren, die mit Hilfe optischer Systeme und der Wirkung von elektromagnetischen Strahlen wie beispielsweise Licht auf chemisch reagierende Materialien dauerhafte Bilder herstellen. Der Begriff „abstrakt“ bedeutet, dass etwas unabhängig, losgelöst und ohne Bezug zu sichtbaren, konkreten Gegenständen ist. Der Philosoph Lambert Wiesing nennt eine Vielzahl von denkbaren Abstraktionen und stellt mit Recht fest, dass in den Techniken der kameralosen Fotografie eine „immanente Hierarchie“ eingeschrieben ist, die von der Abstraktion des Objektivs über die ganze Kamera, das Negativ, den Lichtgang beeinflussenden Gegenstand bis hin zur radikalsten Form der Abstrakten Fotografie, die sich der Grenze zur „Nicht-mehr-Fotografie“ deutlich annähert: dem Chemigramm.(18) Dieser Aussage folgt Gottfried Jäger, indem er feststellt: „Es ist das Prinzip der Analogie zwischen Ursache und Wirkung des Lichts. Fotos kommen aufgrund gelenkter elektromagnetischer Strahlung zustande, die auf einem strahlungsempfindlichen Material fixiert wird. Diese Aussage trifft sowohl auf einfache Kamerafotografien als auch auf die abstraktesten Lichtkompositionen zu. Beide sind das direkte Ergebnis eines physikalischen Ursache-Wirkung-Wechselspiels, das sie auf ihre jeweils eigene Art und Weise bilden.(19) Und daraus folgt schließlich für Gottfried Jäger, dass die Abstrakte Fotografie eine „Fotografie der Fotografie“ ist: „Der Fotoprozess wird dabei in seine Elemente, Bestandteile und Strukturen zerlegt. ... Nicht mehr das „Was“ oder das „Wer“, sondern das „Wie“ steht im Mittelpunkt des Forschungsthemas,(19) das Gottfried Jäger facettenreich über viele Jahre untersucht und in zahlreichen Ausstellungen und Publikationen zur Diskussion gestellt hat: Künstlerisch von frühen Experimenten im Fotolabor über konzeptuelle Generative Fotostrecken im Labor und später am Computer bis hin zum „Graukeil“ aus Fotopapier als Rauminstallation aus dem Jahre 1983, bei dem kein Abbilden, keine Herstellung von Sichtbarkeit mehr stattfindet: „An die Stelle des bildlich Gezeigten tritt das zeigende Material. Das Fotopapier verdrängt als realer Gegenstand das imaginäre Bildobjekt – und verdrängt damit das Bild aus einem Kunstwerk.(20) Das System und die Geschichte Generativer Fotografie und Ästhetik im Grenzbereich zwischen bildgebender Technik und Bildender Kunst ist Thema dieses Werkbuches über Gottfried Jäger, dokumentiert an Beispielen aus seinem umfassenden Œuvre von 1960 bis 2007, kommentiert von Freunden, Wegbegleitern und Kollegen aus Theorie und Praxis: Der in Berlin lebende und arbeitende Theoretiker, Autor und Fotograf Enno Kaufhold steht mit seiner 2002 gehaltenen Laudatio auf den damals aus dem Hochschuldienst verabschiedeten Professor für Fotografie Gottfried Jäger am Anfang dieses Buches, um zu verdeutlichen, um was es hier geht: Vorgelegt wird eine Publikation zu Ehren eines Hochschullehrers, Fotografen und Künstlers, der als Mitbegründer der Generativen Fotografie und als Mitglied der von Vielen so genannten „Bielefelder Schule der Fotografie“ national und international auf sich aufmerksam gemacht hat – und damit im wahrsten Wortsinne eine Festschrift aus Anlass seines 70. Geburtstages verdient hat. Der Kunsthistoriker und Fotografieszenekenner Rolf H. Krauss aus Stuttgart legt daran anschließend mit seinem umfassenden Beitrag die fotohistorische Basis zum Verständnis der Entwicklung der Generativen Fotografie von den späten 1960er Jahren bis in die Gegenwart. Ihm gebührt damit das Verdienst, die fotografische Disziplin der Generativen Fotografie erstmals einer nachvollziehbaren historischen Einordnung im internationalen Vergleich unterzogen und darin die Gewichtung des fotografischen Werks Gottfried Jägers vorgenommen zu haben. Herbert W. Franke, der "prominenteste deutsch schreibende Science Fiction-Autor, Physiker, Höhlenforscher, Computerkünstler und Theoretiker – auch innerhalb der Szene der Generativen Fotografen! – aus Puppling bei München, analysiert in seinem Beitrag die Position der Generativen Fotografie an der Schnittstelle zwischen Kunst, Wissenschaft und Gesellschaft und befragt sie mit dem ihm eigenen Pragmatismus nach ihrer künstlerischen Relevanz. Der in Sendenhorst lebende und an der Universität Jena lehrende Philosoph Lambert Wiesing geht in seinem Beitrag dialektisch der Frage nach, was die Gründe dafür sein könnten, Fotografien herzustellen, auf denen man keine Gegenstände erkennen kann – eine fast süffisant anmutende Frage, die Wiesing derart tiefgründig und plausibel beantwortet, dass es einem die Sprache verschlagen kann. Der viel beachtete Publizist Klaus Honnef, Kunsthistoriker, Kurator, Professor em. für Theorie der Fotografie an der Gesamthochschule/Universität Kassel, reflektiert in seinem Beitrag die Vergegenwärtigung des Lichts“ und benennt damit ganz konkret die Grundvoraussetzungen für fotografische Bilder und ihre fantasievolle und innovative Umsetzung durch Gottfried Jäger. Der frühere Kollege Gottfried Jägers an der Fachhochschule Bielefeld, der heute in Berlin und Lansen lebende ehemalige Hochschullehrer, Maler und Fotograf Jörg Boström, erinnert in einer kurzen Bildanalyse an Fotomaterialarbeiten Jägers aus den Jahren 1983 bis 1986 und benennt damit frühzeitig und am konkreten Beispiel die „Generativen Systeme Gottfried Jägers. Die Autorin und Fotografin Marlene Schnelle-Schneyder verweist aus der Perspektive ihrer Forschungen über das „Sehen und Photographieren“ auf die technische Herkunft der fotografischen Arbeiten Gottfried Jägers und ihre Entwicklung zu einer Kunst innovativer Bilderzeugung. Der Kunstvermittler, Kurator, Kritiker, Publizist und Vertragsprofessor für Theorien und Ausdrucksformen des Design an der Freien Universität Bozen, Gerhard Glüher, erörtert in seinem Beitrag „Vom Optischen ins Algorithmische“ den Weg der Generativen zur Konkreten Fotografie, die nichts mehr abbildet, sondern selbstreferenziell, programmatisch und im Sinne Barnet Newmans „erhaben“ ist: „The sublime is now. Auf diese Weise entsteht ein vielfältiges und zugleich Unruhe stiftendes Kaleidoskop zum Forschungsfeld der generativen Fotografie, das die Frage aufwirft, wie es wohl weitergeht. Gottfried Jäger aber wäre nicht Gottfried Jäger, wenn er nicht selbst die „Zügel in die Hand“ nähme und die Initiative ergriffe: Stellung bezöge! Aus diesem Grund folgt auf die Beiträge von Wegbegleitern und Freunden ein Briefwechsel zwischen Gottfried Jäger und dem in Paris lebenden und arbeitenden Künstlers Hans Jörg Glattfelder von 2006 bis in die Gegenwart, in dem die beiden Fotoenthusiasten den feinen, aber wesentlichen Unterschied zwischen Abstraktion, Konkretion und Konstruktion diskutieren – mit noch offenem Ergebnis, mit jedoch einem deutlichen Vorteil:
Gottfried Jäger bezieht aktuell Stellung und beschließt diese Publikation mit einem Statement über seine Auffassung von Generativer und Konkreter Fotografie in Geschichte und Gegenwart: eindeutig in seiner Position, kritisch gegenüber ihrer Entwicklung, erwartungsvoll im Blick auf die Zukunft.
Was will man mehr?
Wir zeigen eine Auswahl der fotografischen Arbeiten Gottfried Jägers: Experimentelle Fotografie (1960–1966), Generative Fotografie (1966–1982), Kamerafotografien (1977–1991), Fotomaterialarbeiten (1983–2005), Digitale Arbeiten (1994–2003) und stellen ein „fotografisches Leben“ vor: seine Vita, seine Werkübersicht, seine künstlerische Praxis und Theoriebildung, das Projektmanagement und die Rezeption eines langen Künstlerlebens, in dem Gottfried Jäger es geschafft hat, neben einer schier unglaublichen Menge an praktischen und theoretischen Arbeiten die Bodenhaftung nicht zu verlieren und „Freunde fürs Leben“ zu gewinnen. Das Buchprojekt und die Ausstellung Gottfried Jäger. Generative Systeme. Fotografische Bilder und Texte, das den Charakter einer fotografisch wie künstlerisch ästhetischen Werksübersicht hat, bestätigt das: Es konnte nur verwirklicht werden, weil Gottfried Jägers Familie, seine Freunde, Kollegen und Wegbegleiter dieses Vorhaben unterstützt haben. Ihnen gilt mein erster Dank. Darüber hinaus danke ich allen an diesem Buch beteiligten Autoren für die Bereitschaft, an diesem Buch mitzuarbeiten und ebenso fachkundige wie freundschaftliche Beiträge für die Veröffentlichung freizugeben. Zu danken haben wir Henrike und Hans Gieselmann für die Aufnahme dieser Festschrift für Gottfried Jäger in den Verlag für Druckgrafik Hans Gieselmann sowie allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Druck und Medienhauses Hans Gieselmann für die wie gewohnt professionelle und atmosphärisch angenehme Mitarbeit an der Herstellung dieser Publikation. Ich bedanke ich mich ganz ausdrücklich bei allen Subskribenten des Buches, die sich für dessen Erwerb entschieden und es gekauft haben, ohne es im Detail zu kennen – siehe dazu den „Dank und Gruß“ im Anhang dieses Buches: Die Subskription hat zur Verwirklichung dieses Buches wesentlich beigetragen! Schließlich danke ich Gottfried Jäger – für sein Vertrauen in meine Arbeit und seine Freundschaft: Seit 1994 ist seine Lichtgrafik aus dem Jahre 1963 zu Helmut Heißenbüttels „Roman“ in unserem Besitz: Er hat sie mir seinerzeit geschenkt. Nicht nur deshalb schulde ich ihm Dank. Er hat mir gezeigt, dass Fotografie eine Kunst ist, die mehr zeigt, als man sieht. Oder, um mit dem deutschen Grafikdesigner, Typografen und Autor Wolfgang Beinert zu sprechen: „Ein Foto, unabhängig von Kultur und Sprache, ist in seiner Bedeutung offen, das Wort ist festgelegt. Anders ausgedrückt: Das Bild ist konkret, und das Wort bleibt abstrakt.

Anmerkungen:

1 Vilèm Flusser, Lob der Oberflächlichkeit – Für eine Phänomenologie der Medien (Schriften, Band I), Bensheim/Düsseldorf: Bollmann Verlag, 1993, Kapitel „Das Abstraktionsspiel.
2 Ausstellung Generative Fotografie mit Arbeiten von Kilian Breier, Hein Gravenhorst, Pierre Cordier und Gottfried Jäger im Städtischen Kunsthaus Bielefeld, dem Vorgänger der Kunsthalle Bielefeld, Januar 1968.
3 Vgl. dazu Ulrike Hermann, Otto Steinert und sein fotografisches Werk: Fotografie im Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne, Kassel: Univ. Press.
4 Vgl. Karl Pawek, Das optische Zeitalter, Olten/Freiburg: Walter Verlag 1963.
5 Vgl. Andreas Beaugrand (Hg.), Gottfried Jäger. Schnittstelle. Generative Arbeiten (Ausstellungskatalog Bielefelder Kunstverein), Bielefeld 1994, S. 8.
6 Vgl. Herbert W. Franke, Kunst und Konstruktion. Physik und Mathematik als fotografisches Experiment, München 1957.
7 Der Aphorismus „Tritt ein, scheu nicht den ernsten Blick, der Dich, empfängt, er lehrt Dich sehen“ auf der Website www.beaugrand-kulturkonzepte.de etwa stammt von der in Saisseval, Frankreich, lebenden Konkreten Poetin Ilse Garnier, die das Diktum im Jahre 2005 eigens für Beaugrand Kulturkonzepte Bielefeld entwickelt hat. Es wird im Herbst 2007 auch an der westlichen Hausseite zu sehen sein.
8 Vgl. dazu allgemein: Ulrich Schmidt (Bearb.), aussicht – absicht – einsicht. 25 Jahre Bielefelder Colloquium Neue Poesie (Audio CD), Bielefeld: Aisthesis Verlag, 2002.
9 Helmut Heißenbüttel, Roman (1961), in: ders., Textbuch 2, Olten/Freiburg: Walter Verlag 1965.
10 Der „Roman“ Heißenbüttels beginnt mit dem Satz „I. Ich bin eine Geschichte“ zu einer vergrößerten Abbildung des Emaillesprungs von Gottfried Jäger, variiert vielfach die Relation zwischen Individuum, Kollektiv, Sein und Zeit, und endet – nach einer verwirrend-verworrenen Geschichte aus insgesamt 21 konkretpoetischen Kleinsatzkapiteln, denen fotografische Experimente, konkret: Variationen des fotografierten Emaillesprungs von Gottfried Jäger zur Seite gestellt sind, – mit dem Satz „XXI. Unumkehrbar da.“, zu dem Jäger einen vergrößerten, umrissverzerrten, unregelmäßigen schwarzen Punkt, einen Partikel, den Teil des Ganzen liefert: Nicht mehr und nicht weniger.
11 Siehe Vilèm Flusser.
11 Vgl. dazu allgemein Hans-Ulrich Wehler: Deutsche Gesellschaftsgeschichte. Vierter Band: 1914-1949, München: C. H. Beck Verlag 2003.
12 Vgl. Anm. 14.
13 Vgl. u.a. Lambert Wiesing: Phänomene im Bild. München: Wilhelm Fink Verlag 2000; Hubert Burda, Christa Maar, (Hg.): Iconic Turn. Die neue Macht der Bilder. 3. Aufl. Köln: DuMont Buchverlag 2005; Frank Büttner, Gabriele Wimböck, (Hg.): Das Bild als Autorität. Die normierende Kraft des Bildes (= Pluralisierung & Autorität 4). Münster: LIT Verlag 2005; Klaus Sachs-Hombach (Hg.), Bildwissenschaft zwischen Reflexion und Anwendung, Köln: Herbert von Halem Verlag 2005; ders. (Hg.), Bildwissenschaft. Disziplinen, Themen, Methoden, Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 2005; Matthias Bruhn, Karsten Borgmann (Hg.), Sichtbarkeit der Geschichte: Beiträge zu einer Historiografie der Bilder, Berlin: Vdg Verlag 2005; Martin Warnke, Bildwirklichkeiten (= Essener kulturwissenschaftliche Vorträge 8). Göttingen: Wallstein Verlag 2005; Lambert Wiesing: Artifizielle Präsenz. Studien zur Philosophie des Bildes, Frankfurt: Suhrkamp Verlag 2005; Torsten Hoffmann, Gabriele Rippl (Hg.), Bilder. Ein (neues) Leitmedium?, Göttingen: Wallstein Verlag 2006; Gerhard Paul (Hg.), Visual History. Ein Studienbuch, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2006.
14 Vgl. URL: http://www.historikertag.de.
15 Vgl. Carsten-Peter Warnckes Vortrag in: Martin Warnke: Bildwirklichkeiten (= Essener kulturwissenschaftliche Vorträge 8). Göttingen: Wallstein Verlag 2005, S. 486.
16 Wesentliche Grundlagen und plausible Antworten in diesem Sinne gibt Gottfried Jäger bereits Ende der 1980er Jahre, termingerecht zum 20. Geburtstag der Generativen Fotografie: Gottfried Jäger: Bildgebende Fotografie. Fotografik – Lichtgrafik – Lichtmalerei. Ursprünge, Konzepte und Spezifika einer Kunstform. Köln: DuMont 1988, s. aber auch Floris M. Neusüss, Das Fotogramm in der Kunst des 20. Jahrhunderts. Die andere Seite der Bilder. Fotografie ohne Kamera, Köln: DuMont 1990.
17 Alvin Coburn, Die Zukunft der bildmäßigen Fotografie (The future of pictorial photography, 1916), in: Wolfgang Kemp (Hg.): Theorie der Fotografie, Band II: 1912-1945, München: Schirmer/Mosel 1979, S. 54-58.
18 Lambert Wiesing, Was könnte Abstrakte Fotografie sein? Reflexionen über prinzipielle Denkmöglichkeiten, Vortrag, gehalten auf dem 21. Bielefelder Symposium über Fotografie und Medien zum Thema „Abstrakte Fotografie. Die Sichtbarkeit des Bildes“ im Herbst 2000 im Fachbereich Gestaltung der Fachhochschule Bielefeld, veröffentlicht in: Gottfried Jäger (Hg.): Die Kunst der Abstrakten Fotografie/The Art of Abstract Photography. Stuttgart: Arnoldsche Publishers 2002.
19 Gottfried Jäger: Abbildungstreue. Fotografie als Visualisierung: Zwischen Bilderfahrung und Bilderfindung, in: Andreas Dress, Gottfried Jäger: Visualisierung in Mathematik, Technik und Kunst. Braunschweig/ Wiesbaden: Vieweg Verlagsgesellschaft 1999, S. 137-150, hier S. 145.
20 Ebd., S. 142.
21Vgl. Anm. 9.

Petit Frère. Gesammelt und wohlgeordnet aufbewahrt: Werke 1957-1994
Werner Pöschel (1927-2002) zum 80. Geburtstag

9. Februar bis 29. April 2007

Andreas Beaugrand

Am 8. Februar 2007 wäre Werner Pöschel alias Petit Frère 80 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass entstand im Jahr 2006 das Werkverzeichnis des Bielefelder Diakons und Künstlers mit dem Titel „Gesammelt und wohlgeordnet aufbewahrt: Werke 1957-1994. Werner Pöschel (1927-2002) zum 80. Geburtstag“ – zunächst als Examensarbeit der Studentin Ulrike Wetzlar, die mit diesem Thema bei Prof. Dr. Andreas Beaugrand am Fachbereich Gestaltung der Fachhochschule Bielefeld im Juli 2006 ihr Diplom gemacht hat, im Januar 2007 dann als umfassend erweitertes Druckwerk, veröffentlicht im Verlag für Druckgrafik Hans Gieselmann, Bielefeld. Die begleitende Ausstellung – vom 9. Februar bis zum 29. April 2007 bei Beaugrand Kulturkonzepte Bielefeld, vom 11. Mai bis zum 24. Juni 2007 im Haus Nazareth der v. Bodelschwinghschen Anstalten Bethel – erinnert an den nicht nur für die Stadt Bielefeld bedeutenden Künstler und Kulturpreisträger der Stadt.
Das Projekt  (aus dem Einführungstext)
Was würde Werner Pöschel, der Künstler Petit Frère, angesichts der aktuellen Entwicklungen in der zeitgenössischen Kunst gesagt haben? Hätte er in der Folge seiner „Taschendocumenta“ aus dem Jahr 1959, damals schon eine feinsinnige Kritik am Kunstmarkt, eine neue „Taschen-Kunstmesse“ herausgegeben? Werner Pöschel war bis zu seiner schweren Erkrankung ein guter Beobachter – gleichgültig, ob es um gesellschaftspolitische, menschliche oder künstlerische Zusammenhänge ging. Vermutlich hätte er sich über die erstaunliche Entwicklung der Kunst aus Leipzig gewundert, die jetzt der Beliebigkeit Tür und Tor geöffnet hat, und sich – den Kopf schüttelnd und schmunzelnd über ein neues Fundstück gebeugt, um ihm neues künstlerisches Leben zu geben und ein neues „Bild zur Zeit“ zu schaffen – ein Kunst-Stück mit Intellekt und Witz, Geist und Ironie, handwerklich perfekt: ein visuelles wie graphisches Meisterwerk.
Werner Pöschel hat als Diakon in Bethel und zugleich als Künstler Petit Frère viel bewegt, weil er Kunst und Leben, Leben und Kunst, Freundschaft und die Arbeit für die Menschen miteinander verbinden konnte. So hat er die seltsam-naiven, bunt bemalten und außergewöhnlichen Beton-Gestalten des Recklinghausener Bergmanns Erich Bödeker ebenso sehr geschätzt wie den Urheber selbst, so dass die beiden nicht nur eine tiefe Freundschaft, sondern mehrere Ausstellungsprojekte in Bielefeld, Recklinghausen und anderswo verband, die zu einer „Statue eines Mannes mit schwarzem Haupthaar, einer dunkel gerandeten Brille und einer handelsüblichen, nicht mehr neuen Tabakspfeife im Mund“(1) führte: zum Portrait Petit Frères, das heute noch im Besitz der Familie Pöschel ist.
Dieses Kunstwerk eines naiven Autodidakten aus dem Ruhrgebiet veranschaulicht auf verblüffend stimmige und eindeutige Art und Weise, was den „kleinen Bruder“ ausmacht: Familie, Kunst und Beruf hat er gleichsam als „Hausherr“ gemanagt und seine Tätigkeit als der Diakon Werner Pöschel, als Leiter der Werkstatt Lydda in Bethel und als Künstler Petit Frère zu einem stimmigen Ganzen verbunden, das sich wie ein Quillt aus vielen kleinen, an sich unscheinbaren Bestandteilen zusammensetzt. Vielerlei Fundstücke aus dem menschlichen Alltag – im näheren und weiteren Sinne des Wortes – fügen sich zu einem sensibel zusammengefügten ästhetischen Bild, gleichgültig, ob es sich um die Motivation geistig Behinderter zu künstlerischer Tätigkeit, die Rettung des Hauses Lydda vor dem Abrissbagger zum Ausbau eines Hauses der bildenden Kunst oder um Bücher, Bilder, Graphiken oder gar um Kuriositäten, im Allgemeinen als Abfall zu bezeichnende Relikte menschlichen Lebens handelt, die er mit überraschender Sensibilität ästhetisch neu zusammengefügt und in ihrem Sinn gestalterisch erweitert hat.
Bis heute kolportiert wird Werner Pöschels Scherz, dass er deshalb so klein von Wuchs sei, damit er die Fundstücke des Lebens auf dem Boden besser sehen und leichter aufheben könne. Seine gestalterische Liebe galt tatsächlich dem vermeintlich Überflüssigem, Zerstörtem, Banalem, das er in seinen Magazinschränken und -schubladen ordnete und bewahrte, um alledem bei Gelegenheit eine neue, freie und spielerische Bedeutung zu geben. „Fundsachen“ nannte Petit Frère seine kleinen Kunstwerke, für die ihm in der Betheler „Brockensammlung“ und auf langen Spaziergängen ein schier unerschöpflicher Vorrat zur Verfügung stand. „Das Geringste“, schrieb Jürgen Conrady, „war ihm im Wortsinn des ‚Aufhebens’ wert, um scheinbare Wertlosigkeit durch unverhofftes Arrangement, ein paar Zeilen mit Humor und wenige Tuschestriche in überraschenden neuen Sinn zu verwandeln.“(2) Mit zartem Strich, wie man ihn in der Druckgraphik findet, führte er in kalligraphischer Kunstfertigkeit Linien zu bizarren Gebilden, mit Vorliebe auf alten Papieren mit rauer Fläche, die schon mit Rissen, Flecken, Schattierungen zum Finden skurriler Formen herausfordern. Suchen, Finden, Entdecken, Umgestalten, Bewahren, Verwahren – das sind die Leitmotive der Kunst Petit Frères, die zudem zu einem Freudenfest der Schriftlichkeit von Sprache, fast zu Literatur werden, wenn man einen Blick auf die geistreichen Bildunterschriften wirft: Die zumeist mit feiner Ironie und bissiger Zeitkritik menschliche Verhaltensweisen und Unzulänglichkeiten im künstlerischen Sinne vor Augen führenden Spitzfindigkeiten zeugen von großem Humor und zur gleich von großer Menschenfreundlichkeit und Toleranz.(3)
Die Kunst Petit Frères ist keine dekorative Kunst ohne jegliche Notwendigkeit, keine Kunst, die moralisierende Inhalte ästhetisch verpackt und keine Spielerei mit den Mitteln der bildenden Kunst, sondern eine Methode, ein Stil künstlerischer Bildung, die die Betrachter dazu befähigt, den Wert des Augenblicks, des vermeintlich Unbrauchbaren und der Poesie neu schätzen zu lernen. So werden seine Collagen und Assemblagen aus unerwartet originellen Bestandteilen mit ihren zahlreichen Aphorismen, Geschichten und Anekdoten zu einer ganz neuen Form visueller Poesie: Werner Pöschel hat eine immense Gabe, die verborgene Sprache anscheinend längst verstummter, zum Schweigen verurteilter Dinge zu hören, sie wieder sprechen zu lassen, mit anderen ‚Partnern’ ins Gespräch zu bringen. Dazu schreibt er dann, in meisterlicher Handschrift, seine kleinen Verse in Prosa, seine hintergründigen Anmerkungen über die Welt, die er in diesen kleinen Welten darstellt,“ schreibt Otto Königsberger in den Dortmunder „Ruhr-Nachrichten“ vom 12. Januar 1974 – ein mehr als 30 Jahre alter Satz, der auch heute noch Gültigkeit hat und dem wegen seiner Aktualität nichts mehr hinzuzufügen ist.

Anmerkungen:

1 Dieter Lohmann, in: Unsere Kirche. Evangelisches Sonntagsblatt für Westfalen und Lippe, Nr. 27/1971.
2 Jürgen Conrady, Leserbrief „Deutlicher würdigen“ zum Tod von Werner Pöschel, in: Der Ring, Nr. 8/2002, S. 28.
3 Vgl. dazu Lothar Geissler, Lippische Rundschau, 16.11.1971, aber auch Rago T. Ebeling, Vorwort zum Ausstellungskatalog Kunststudio Westfalen-Blatt, Bielefeld 1973.

Die Publikation:

Andreas Beaugrand, Ulrike Wetzlar
Petit Frère. Gesammelt und wohlgeordnet aufbewahrt
Werke 1957-1994. Werner Pöschel (1927-2002) zum 80. Geburtstag
,

mit Texten von Andreas Beaugrand, Gisela Burkamp, Volker Dallmeier, Raimund Hoghe, Reinhard Neumann, Peter Opitz und Ulrike Wetzlar, einem Interview mit Gerhild Pöschel und einem Grußwort des Oberbürgermeisters der Stadt Bielefeld, Eberhard David.
136 Seiten, 205 Abbildungen, Farbe, Festeinband, Fadenbindung, 24 x 30 cm, 29,80 €.
Verlag für Druckgrafik Hans Gieselmann, Bielefeld 2007.

                                                  

Reinhard Lange. Störungen. Werke 1952-2006


Andreas Beaugrand
                                                            
Reinhard Lange. Künstler in Hameln, 1938 dort geboren und 2017 ebendort gestorben. Student und Meisterschüler von Fred Thieler in Berlin (1959-1966), Lehrer in Bremervörde (1967-1972) und Hameln (1972-1997). Reinhard Lange mag keine harmlosen Bilder. Er stört mit seiner Kunst sich selbst und die Betrachter, für die es nicht immer leicht ist, mit seinen Bildlandschaften zurechtzukommen. Es fehlt ihnen jegliche harmonisierende Vorsicht oder die glättende Ästhetik, die die zeitgenössische Kunst oftmals ausmacht. Reinhard Lange ist radikal – im Umgang mit sich selbst, mit seinem Leben und mit seiner Kunst, die seine Lebenskonstellationen zum Thema hat. In der für ihn typischen Verflechtung von schrillen Farbklängen und ruppigen Pinselgesten treten aus seinen Bildern auf Leinwand, alten Pappen und Papieren – oftmals präsentiert in wertvollen historische Rahmen – Menschen, Tiere, Räume und Landschaften als malerische Skizzen hervor.  Die Ausstellung gibt einen Überblick über das Lebenswerk dieses bedeutenden niedersächsischen Künstlers. Zugleich stellen wir in Ostwestfalen-Lippe sein Werkverzeichnis vor:

Die Publikation:


Andreas Beaugrand, Gerd Fleischmann
Reinhard Lange. Störungen. Werke 1952-2004
Hameln 2005
Verlag C.W. Niemeyer, ISBN 3-8271-9055-X, 28,- €.

Tempus fugit! Walter Hellenthal zum 60. Geburtstag
Skulpturen aus Eisen, Stahl und Stein, Arbeiten auf Papier



Andreas Beaugrand

Tempus fugit! Walter Hellenthal zum 60. Geburtstag Andreas Beaugrand Tempus fugit – Die Zeit flieht! Die in diesem Ausruf zum Ausdruck kommende Hektik empfanden bereits die Römer, aber das war noch längst nicht alles: Dramatischer wurde es seit Beginn des 14. Jahrhunderts, als sich der Kalender zur Terminierung von Geschäftsabläufen durchzusetzen begann. Seitdem bestimmt die Uhr als Messgerät vergehender Zeit das Leben – immer und überall, Termine, Termine, keine Zeit –, und selbst große Zeitungen heißen heute „Zeit“ und „Times“. Das Phänomen der schnell vergehenden Lebenszeit steht seit jeher im Mittelpunkt geisteswissenschaftlichen Interesses, und die Fülle der geschichts-, kunst- und religionswissenschaftlichen, philosophischen, theologischen, literarischen, physikalisch-mathematischen, astrologischen, psychologischen, esoterischen und unternehmensberaterischen Publikationen zum Thema ist nahezu unüberschaubar.(1) Es spricht viel für die Behauptung, dass zeitgenössische Kunst ein Mittel ist, den Ablauf der Zeit zu „entschleunigen“, die Schnelligkeit zu bremsen, um reflektorisch-visuell im wahrsten Wortsinne halt zu machen, selbst wenn das eigentlich unmöglich und ebenso unsinnig ist wie die prinzipielle Beschleunigung – welche die meisten Menschen allerdings kritiklos akzeptieren. Heutzutage gibt es in vielen Bereichen eine hektische Betriebsamkeit, die ins Ziellose geht. Aus therapeutischem Kontext ist bekannt, dass dieser Aktionismus etwas mit der Flucht vor den wahren Problemen und der Furcht vor einer ungewissen Zukunft zu tun hat. In der Geschichte hat es diesen blinden Aktionismus immer wieder gegeben, etwa wenn Gesellschaftssysteme auseinanderbrachen und traditionelle Werte nicht mehr galten. Aktuell werden die Hinweise immer zahlreicher, dass „nicht genug Zeit war“, um „reife“ Entscheidungen zu treffen, aber mit einem Mal ist ausreichend Zeit da für selbst verursachtes Krisenmanagement – und die Alternative dazu ist Langeweile. In einer Zeit, in der wir immer mehr dahin gedrängt werden, zu beschleunigen und mehrere Dinge gleichzeitig zu tun, gehört schon eine große Portion Mut dazu, dem Beschleunigungs- und Gleichzeitigkeitswahn entgegenzusteuern und Kunst zu machen: Denn das benötigt wiederum Zeit.
Walter Hellenthal nimmt sich diese Zeit und macht das in geduldiger, fast stoisch wirkender Konsequenz seit vielen Jahren mit seiner zeichnerischen, malerischen und vor allem mit seiner bildhauerischen Arbeit, mit der er Jahrmillionen altes, gewachsenes Gestein in neuer Form zu neuen Kontexten mit von Menschen geformtem Stahl und Eisen zusammensetzt.(2) Stabil, unverrückbar, stark, zugleich sich öffnend, zum Dialog einladend und leicht wirkend stehen und liegen seine Skulpturen und skulpturalen Installationen vor den Betrachtern und lassen – wenigstens für einen kurzen Augenblick – die Zeit ein wenig langsamer vergehen. Diese seit vielen Jahren allgemein anerkannte und umfassend dokumentierte künstlerische Qualität sowie die Tatsache, dass Walter Hellenthal im Frühjahr 2006 60 Jahre alt wird, war Beweggrund und Anlass für die Veröffentlichung dieses Bandes, der eine durchaus lange Vorbereitungsphase vorausging:
Am 21. November 2005 habe ich einen Brief an die Freunde, Wegbegleiter und Kollegen Walter Hellenthals mit der Bitte verfasst, eine ihm zu Ehren geplante kleine Festschrift zu subskribieren und gegebenenfalls einen Beitrag dafür zu verfassen. Diese Bitte hat große Begeisterung ausgelöst – und selbst wenn nicht sämtliche Ankündigungen tatsächlich eingetroffen sind und nicht alle eingereichten Beiträge wegen allzu großer Privatheit Verwendung finden konnten, verdeutlicht dieser Band aufschlussreich, dass es jenseits des schnelllebigen schönen Scheins unserer Zeit und im Kontext der bildenden Kunst noch etwas gibt, dass Hoffnung auf kulturelle Zukunft. Künstlerische Qualität, Authentizität, konzeptuelle Stringenz und Konsequenz über Jahre sowie Freundlichkeit, Herzlichkeit und Mitmenschlichkeit sind wesentliche Qualitäten Walter Hellenthals, die seine Freunde so sehr an ihm schätzen. Und jetzt kommt er „in die Jahre“, wie der Volksmund gerne sagt und die Freunde grinsend feststellen. Das aber und der dazugehörige Begriff „Alter“ bleiben relativ.(3) Tatsächlich zeugt die bereits ansehnliche Fülle an Jahren von viel Erfahrung und viel Erlebtem, die sich einerseits bei einem Blick auf die Geschichte fast beängstigend vielfältig darstellt – man werfe nur einen kurzen Blick auf Walter Hellenthals Geburtsjahr 1946(4), andererseits aber angesichts des künstlerischen Werks auch plausibel ist: Seine Werke sind eine Kunst, in der sich Lebenszeit spiegelt und die sich „in der Zeit“ abspielt – ganz ähnlich, wie es der österreichische Komponist Arnold Schönberg über Musik formuliert hat: „Zeit wird als Raum gesehen. Beim Niederschreiben (einer Komposition, hier: Erarbeiten bzw. Betrachten eines Kunstwerks) wird der Raum in die Zeit umgeklappt. Für den Hörer (hier: den Betrachter) ist dieser Vorgang umgekehrt: Erst nach dem zeitlichen Ablauf des Werkes (nach genauem Schauen) übersieht er es als Ganzes, seine Idee, seine Form, seinen Inhalt.(5) Genauso funktioniert die Wahrnehmung der Kunst Walter Hellenthals – wenn man sich Zeit nimmt, sie zu sehen. Auguri, lieber Walter!

Anmerkungen:

1 Vgl. dazu Andreas Beaugrand, Der Lauf der Zeit, in: Martin Gesing (Hg.), Ulrich Möckel. BaumZeit. Skulpturen und Texte, Bielefeld 2001, S.71-76, und ders. (Hg.), Zeit. Neues Forum zeitgenössischer Kunst V, Bielefeld 2002, dort auch ausführliche Literaturhinweise.
2 Siehe dazu ausführlich in: Andreas Beaugrand, Einiges über Bildhauerkunst, oder: Gedanken zu Walter Hellenthals Objekten aus Stein, Eisen und Stahl, in: Rainer Danne (Hg.), Walter Hellenthal. Skulpturen. Wandobjekte, Dortmund 2000, und ders., Walter Hellenthal. Skulpturen und Installationen in St. Maria im Weinberg“, Warburg 2005.
3 Unabhängig davon wird dem Begriff „Alter“ in unserer Gesellschaft, in der ewige Jugend das oberste Gebot zu sein scheint, ein nach wie vor negatives Image mit tradierten Rollenmustern zugeschrieben. Das wird sich angesichts des demographischen Wandels bald ändern (müssen).
4 1946 national: Im Nachkriegsdeutschland werden die Lebensmittel auf 1.000 Kalorien pro Kopf und Tag rationier; die Bevölkerung versucht, sich bei so genannten Hamsterfahrten auf dem Lande zu versorgen. Konrad Adenauer wird Vorsitzender der CDU, Kurt Schumacher Vorsitzender der SPD. In der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ ) wird durch Zwangsintegration der Ost-SPD und KPD die „Sozialistische Einheitspartei Deutschlands“ (SED) gegründet. In der SBZ entstehen die „Volkseigenen Betriebe“ (VEB), die britische und die amerikanische Besatzungszone wird zur „Bizone“; erste freie Gemeindewahlen. Durchführung der „Entnazifizierungsgesetze“ in der amerikanischen Besatzungszone, Erfindung der „Persilscheine“, Ende der ersten Kriegsverbrecherprozesse in Nürnberg. Beginn der Zerstörung sämtlicher nationalsozialistischer und militaristischer Denkmäler; Orientierungslosigkeit in der Kunstszene und Entstehung neuer Künstlergruppierungen.
1946 international: Nach Abdankung von König Viktor Emanuel III. (1945) wird Italien Republik, in Argentinien wird der 1945 gestürzte amerikafeindliche Juan Perón mit Hilfe seiner außerordentlich beliebten Frau Evita erneut Präsident, und in Palästina verschärfen sich die jüdischen Terroraktionen gegen die britische Mandatsmacht.
5 Eine mündliche Äußerung Arnold Schönbergs (1874-1951) nach Josef Rufer, Die Komposition mit zwölf Tönen, Berlin 1952, S. 50, zitiert nach Christian Martin Schmidt, Brennpunkte der Neuen Musik, Köln 1977, S. 99.