Marek Bieganik. Substantia


Wesensgründe der Malerei von Marek Bieganik

Andreas Beaugrand

Vielfach habe ich während der vergangenen Jahre darauf hingewiesen, dass der 1952 in Stara Krásnica, Polen, geborene und inzwischen seit knapp 20 Jahren in Bielefeld lebende und arbeitende Künstler Marek Bieganik nicht nur eine außergewöhnliche Persönlichkeit und ein liebenswerter Mensch, sondern auch ein kenntnisreicher Magister Artium und an der Kunstakademie Warszawa ausgebildeter Maler, Zeichner und Grafiker ist – im wahrsten Wortsinne also ein Meister der Künste,(1) mit denen und für die er lebt. Farben und Formen sind für ihn das Chaos, in das er durch seine Intervention eine gewisse Art von Ordnung bringt, die man qua definitione jedoch nicht als zielführende Abfolge, sondern als einen immer wieder neuen, sich überlagernden, miteinander ringenden und an keiner Stelle wirklich zur Ruhe kommenden Lebens- und Arbeitsprozess verstehen muss. Marek Bieganiks Vorstellungskraft ist voller Bilder und Ideen, und dieser stetige Zuwachs an Gedanken-Bildern bedeutet für den Künstler zugleich auch „Zuwachs an Unruhe“ (Johann Wolfgang von Goethe) – ein Zustand, der sich erst mit der Bildfindung und seiner Übersetzung in die wahrnehmbare Wirklichkeit verändert. Dieser Moment der Bildfindung ist für Marek Bieganik ein äußerst emotionaler, denn in diesem Augenblick fängt für ihn die eigentliche Kunstarbeit, die Realisierung eines Bildes an. 1999 schrieb er dazu in seinem kurzen, aber nach wie vor beeindruckenden Kunsttext Genesis, der es verdient, hier nochmals auszugsweise zitiert zu werden: „Es folgt der emotionale und bewusste Akt des Schaffens. Der Schöpfer vereinigt sich mit der Leinwand, geht ins Bild hinein, wird zum geistigen und gefühlsmäßigen Teil des Bildes. Er vereint sich mit dem inspirierenden Thema, mit der Form, der Farbe, der Komposition. Das Bild fängt zu sprechen an. Es folgt der Dialog mit dem Schöpfer, das Bild gewinnt an Selbstbewusstsein, Formsicherheit und Dasein. Dieser Augenblick des schöpferischen Aktes löst die Kraft des Bildes aus, die den Schöpfer völlig absorbiert, aus ihm die Vitalität, die Farbe zieht. Der Schöpfer wird zur Nahrung des Bildes. Dieser Zustand zieht sich hin, bis Farben und Formen zum Vorschein kommen – bis zur vollständigen Geburt des Werkes. Der Schöpfer bleibt psychisch und körperlich erschöpft zurück. Das Bild entsteht.“(2) Und selbst wenn dieses Bild für Marek Bieganik zunächst abgeschlossen und fertiggestellt zu sein scheint, geht der gedankliche und praktische Schaffensprozess weiter, wenn beispielsweise ein Ausstellungsraum auf dort gezeigte Bilder gewirkt und diese Wirkung ihn wieder zur weiteren Bearbeitung veranlasst, wie es etwa bei den im Frühjahr 2012 in der Neustädter Marienkirche ausgestellten und im ausstellungsbegleitenden Kunstband reproduzierten Werken Apostel, Kain und Abel oder Arche Noah der Fall gewesen ist: Die Bilder haben sich verändert.

So wie den Künstlern des Expressionismus ist Marek Bieganik nicht die wirklichkeitsgetreue Weitergabe von Eindrücken wichtig, sondern die Veranschaulichung eines „durchfühlt“ interpretierten und durch intensive Gedanken initiierten Motivs, das er nicht mit Sprache und Schrift, sondern mit den Mitteln der Kunst „beschreibt“. Über viele Jahre ist er dieser Intention in zahlreichen Werken und großen Reihen von verfremdenden Selbstporträts, freien Landschafts-, See-, Tier- und Menschenbildern gefolgt,(3) stets getrieben von dem Wunsch und der Vorstellung, ein neues und vielleicht das ureigentliche und wesentliche Bild zu schaffen – nämlich das Bild, das zeigt, woraus letztlich alles besteht: Substantia.

Im Kontext des bisher entstandenen künstlerischen Œuvres Marek Bieganiks spielt dieser das aktuelle Ausstellungs- und Buchprojekt überschreibende Titel insofern eine besondere Rolle, als er nicht nur realitätsbezogen als „Stoff“ oder stofflich aufgefasst werden kann – genau so, wie seine Bilder oftmals sind –, sondern auch als philosophie- und religionsgeschichtlicher Begriff von besonderer Bedeutung ist: Da Substantia, die Substanz, bedingendes Prinzip von Bedingungen und Bestimmungen ist, ist etwas umso mehr Substanz, je weniger es bedingt ist. Daraus folgern viele Philosophen, zum Teil auch im Einklang mit der Theologie, dass Substantia im eigentlichsten Sinne Gott sei.(4)

Es geht in den aktuellen Werken von Marek Bieganik nicht darum, die Fragen nach der Existenz Gottes mit den Mitteln der Kunst zu beantworten, sondern darum, die Daseins- und Erscheinungsformen menschlicher Existenz im Verhältnis zueinander, in dieser Welt und durchaus auch zu einer transzendenten Dimension zu erfassen – so, wie es Bieganik auch in früheren Projekten und Bildern getan hat und bis heute tut,(5) obwohl er – in seiner polnischen Heimat ursprünglich katholisch sozialisiert –, dezidiert nicht an Gott glaubt. Hingegen schätzt er die energetische Konzentration, die qualitätsvolle Kirchenarchitektur ermöglicht, so dass es stimmig erscheint, wenn er seine Kunst auch in Kirchen wie der Bielefelder Neustädter Marienkirche zur kontemplativen Diskussion und Betrachtung stellt.(6) Die auch hier gewonnenen konzentrierten Gedanken motivieren und inspirieren Marek Bieganik, aufs Neue ein künstlerisches Werk zu beginnen und schließlich zu vollenden, so dass er mit großer Überzeugungskraft sagen kann: „Die Kunst ist mein Gott“ – was er nicht blasphemisch, sondern konzeptuell meint und auch so verstanden wissen will.(7)

Unangepasst an „die Szene“ und im konsequenten Widerspruch zum Zeitgeist mit seinen immer wieder wechselnden Trends hat Marek Bieganik eine eigene Bildsprache entwickelt, mit der er sein ebenso komplexes wie expansives bildnerisches Vermögen, seine enorme Wandlungsfähigkeit zwischen Malerei und Zeichnung – er beherrscht den schnellen zeichnerischen und oft auch humoristischen Strich wie kaum ein anderer! –, in der sein geistiges Konzept einer absoluten Freiheit gegenüber der Tradition Ausdruck findet und in der er nicht zuletzt auch die sinnliche Vitalität seiner Werke zum Ausdruck bringen kann. Entscheidende Voraussetzung für die außergewöhnliche Kunst Bieganiks ist sein Einfallsreichtum und seine Abkehr von überlieferter Kunst, die ihm äußerst vertraut ist und deren Spielregeln er stets aufs Neue unterläuft. Marek Bieganik fühlte sich seit Beginn seiner Zeit als freischaffender Künstler weder vom kulturellen Prozess berührt, noch wollte er allzu intensiv an ihm teilhaben. Diese Positionsbestimmung erlaubt es ihm, mit den Vorstellungen von „seiner“ Kunst den Rahmen enger Gattungsgrenzen zu sprengen, sich alle Freiheiten im Einsatz von Materialien und Verfahren zu nehmen und Übereinkünfte formaler Gestaltung zu missachten. So erreichen seine Werke die Unabhängigkeit, die er auch persönlich anstrebt, um seine eigene Bildwelt zu erfinden, die von elementarer Ausdruckskraft ist und ungeahnte Freiräume für die Fantasie eröffnet. Das ist das Wesentliche. Das ist die Kunst.

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1) Vgl. dazu u.a. Andreas Beaugrand, Marek Bieganik, in: Ders. (Hg.), „Altwerden ist nichts für Waschlappen.“ (Bette Davis) Aber 50 ist noch in Ordnung. Zeitgenössische Kunst, Bielefeld 2010, S. 73; Ders., Malen als Notwendigkeit. Zur Kunst von Marek Bieganik, in: Hans-Jörg Kaiser (Hg.), Marek Bieganik. Bilder, Bielefeld 2004, S. 7–11; Ders., Marek Bieganik, „XXX“, 1998, in: Ders., Edition: 48. Kriegskultur und Friedenskunst. Zur Ambivalenz menschlichen Lebens: Krieg und Frieden 1648/1998, S. 74–81; Ders., Zur Kunst von Marek Bieganik, in: Ders (Hg.), Lebensbilder – Kunstbilder – Weltbilder. Neues Forum zeitgenössischer Kunst (Ausstellungskatalog Bielefelder Kunstverein), Bielefeld 1998, sowie bei zahlreichen Ausstellungseröffnungen, u.a. im Zentrum für interdisziplinäre Forschung (ZiF) der Universität Bielefeld (1996), im Bielefelder Kunstverein und seinerzeit kooperierenden Instituten (1998 ff.), in der Sparkasse Bielefeld (2001), in der Fa. Ehrlinger, Bad Salzuflen (2002), in der Fachhochschule Bielefeld (2003, 2005), im Haus der Kultur, Burgbrohl (2008), bei der Eröffnungsausstellung der Hellweg-Klinik, Bielefeld (2010) oder in den Räumen unserer Beaugrand Kulturkonzepte Bielefeld (2004 ff.).

2) Marek Bieganiks Stellungnahme zu seiner Kunst entstand im Kontext der Ausstellungsvorbereitungen Kunst bei Ehrlinger. Marek Bieganik, Bad Salzuflen, und Marek Bieganik. Der Bielefelder Kunstverein bei Vintage 51 im Jahre 1999; vgl. dazu auch den Beitrag von Hans-Jörg Kaiser im ausstellungsbegleitenden Kunstband.

3) Siehe dazu – stellvertretend für diese Werkgruppen – die Werke Ostsee, Phönix und Komposition.

4) Käthe Trettin (Hg.): Substanz. Neue Überlegungen zu einer klassischen Kategorie des Seienden, Frankfurt am Main 2005, Einleitung.

5) Der Ausstellungstitel Eine Reise nach Innen von 1996 und Bildtitel wie Mensch (1993), Jesus (1996/1997), Ich (1998), Phoenix (2008), Kain und Abel (2011) oder Arche Noah (2012) u.a.m. bestätigen dies ebenso wie der wesentliche Hinweis von Nikolaus Nadrag, der in seinem Buchbeitrag dezidiert betont, dass ihn Marek Bieganiks „Auseinandersetzung mit der Kreuzigungsthematik … schlichtweg umgehauen (hat): diese Art zu malen, das Leid Christi, das Zerstörerische, die wegbröckelnden Randbereiche, die Expression im Bild, Dornen, Blut. …“.

6) Siehe die Beiträge von Alfred Menzel und Klaus Ewering. Vgl. dazu auch Petra Breuer, Marek Bieganik. Der Kopf des Judas. Eine Bildanalyse, Fachprüfungsarbeit bei Prof. Dr. Andreas Beaugrand am Fachbereich Gestaltung der Fachhochschule Bielefeld, WS 2000/2001; unveröffentlichtes Manuskript.

7) Marek Bieganik im Gespräch mit Andreas Beaugrand am 30. September 2012.